Müll vermeiden – Einkaufen ohne Verpackung

Deutschland gehört zu den Ländern, in denen zwar wie wild Müll getrennt wird, aber gleichzeitig besonders viel davon anfällt. Nur ein Bruchteil dessen, was wir in unsere Wertstofftonne schmeißen, kann recycled werden. Deshalb sollten wir unser Gewissen nicht mit Mülltrennung beruhigen, sondern das Problem bei der Wurzel packen und Müll gar nicht erst produzieren. Alexandra Feege leistet mit ihrem Laden einen wichtigen Beitrag dazu, denn sie hat vor einigen Monaten Paderborns erstes verpackungsloses Lebensmittelgeschäft eröffnet. Wenn man sich bei KERNIDEE umschaut, findet man eigentlich alles, was man fürs tägliche Leben braucht und kann es in mitgebrachten oder dort erworbenen Mehrweg-Verpackungen kaufen. Wir haben mit Frau Feege über das Problem Verpackungsmüll gesprochen.

  1. Warum ist es überhaupt nötig, auf Verpackungen zu verzichten? Inzwischen kann man doch die meisten Materialien gut wiederverwerten, oder etwa nicht?

Weit über 50% unserer ‚Wertstoffe‘ werden nicht recycelt, sondern verbrannt. Vieles gelangt auch direkt in die Umwelt; besonders stark betroffen sind alle Weltmeere, auf denen mittlerweile riesige Plastikteppiche schwimmen. Jede Herstellung von Verpackungen verbraucht Ressourcen. Für jeden Becher, jede Tüte, jedes Glas werden die Rohstoffe unserer Erde verbraucht, insbesondere auch eine Menge Wasser. Die Ressourcen werden deutlich schneller verbraucht, als sie sich regenerieren können, so dass Studien ergaben, dass wir bereits 2030 zwei Erden bräuchten, wenn wir unser Verhalten nicht ändern. Gerade für Lebensmittel werden aus Hygienegründen in aller Regel neue Materialien verwendet und keine Recyclingprodukte. Ein Verzicht auf Verpackungen ist daher immer besser als jeder Wiederverwertungsansatz.

Aktuell ist es außerdem so, dass Materialien für sich gesehen zwar recyclingfähig sind, aber in den meisten Fällen nicht im Reinzustand in die Wertstofftonnen kommen: beschichtete Becher und Kartons als Verbund aus Papier und Plastik zum Beispiel. Diese Verbundstoffe sind im Moment nicht wiederverwertbar.

  1. Bei Ihnen einzukaufen, bedeutet aber, dass man ziemlich gut vorher im Blick haben muss, was man benötigt, um auch entsprechende Verpackungen mitzubringen, oder?

Spontankäufe bewirken sehr oft, dass mehr gekauft wird, als man tatsächlich benötigt. Insofern hilft es grundsätzlich – auch für den eigenen Geldbeutel – sich vor dem Einkauf vorzubereiten. Das ist vielleicht zunächst etwas ungewohnt, aber nicht wirklich schwierig. Wenn Sie über Ihre Einkäufe nachdenken, werden Sie vermutlich wie die meisten Menschen feststellen, dass Sie bestimmte Dinge regelmäßig kaufen – schnell wird es zur Gewohnheit, für diese Dinge einfach bestimmte Behälter, Netze, Taschen dabei zu haben. Ein paar Behältnisse dazu ‚für alle Fälle‘ – und schon sind Sie komplett für den Einkauf gerüstet. Auf diese Weise sind Sie übrigens u.a. deutlich freier, einmal neue Dinge auszuprobieren, da Sie in Unverpackt-Läden kleinste Probiermengen kaufen können und nicht dem Zwang unterliegen, vorgegebene Mengen nehmen zu müssen.

Es ist dringend Zeit, dass Menschen sich klar machen, dass der durch die Konsumindustrie erfolgreich vermittelte vermeintlich bequeme Einkauf nur einem einzigen Zweck dient: den Konsumenten dazu zu bringen, mehr und öfter zu kaufen. Der bequeme Faktor greift nämlich nur genau bis zur Kasse – der Aufwand nach dem Kauf für Transport, Verstauen, Auspacken und Entsorgen der Verpackungen wird als selbstverständlich hingenommen. Wer unverpackt einkauft, braucht seine Behältnisse zu Hause nur noch zurück an ihren Platz stellen.

  1. Ich finde es manchmal wahnsinnig schwer abzuwägen. Ich bräuchte eine Öko- oder Ethik-Ampel auf Lebensmitteln. Was ist denn zum Beispiel besser? Tetrapack oder Mehrwegflasche? Wie kann man sowas als Verbraucher rausbekommen?

In vielen Fällen ist es für den Verbraucher offensichtlich, welches der ökologisch richtigere Weg ist, z.B. wenn er die Wahl zwischen eingeschweißten und lose verkauften Waren hat. In anderen Fällen ist es schwieriger zu beurteilen, und hier fehlt es noch sehr viel an Aufklärung. Ich bin überzeugt, dass wir in diesem Bereich in den nächsten Jahren noch viele Veränderungen erleben werden. Tetrapacks und Mehrwegflaschen benötigen beide viele Ressourcen in der Herstellung. Mehrwegflaschen aus Glas können jedoch oft wiederverwendet und am Ende sehr gut recycelt werden. Tetrapacks dagegen stellen einen problematischen Verbundstoff dar und dienen nur der Einmalverwendung. Die Durchdringung unserer Konsumwelt mit Tetrapacks und Plastikflaschen ist nicht durch eine bessere Ökobilanz begründet, sondern der höheren Gewinnerzielung der Herstellungsunternehmen geschuldet. Es ist deutlich kostengünstiger, immer neue Plastikflaschen zu füllen als ein Mehrwegsystem zu finanzieren.

  1. Woher und wie beziehen Sie Ihre Waren? Wird das Müsli in großen Plastiksäcken geliefert?

Müllvermeidung wird auch im Lieferprozess großgeschrieben, so dass Kunde und Laden Hand in Hand arbeiten, um zum Umweltschutz beizutragen. KernIdee bezieht die Waren nicht einfach über einen Großhändler, sondern über diverse Bezugsquellen, vorzugsweise regionale Lieferanten. Es wird grundsätzlich mit solchen Lieferanten zusammengearbeitet, die Waren passend für das Ladenkonzept in Großgebinden anbieten können. Mit den regionalen Lieferanten ist es fast durchgängig möglich, mit wieder befüllbaren Behältern zu arbeiten, so dass hier kein Müll anfällt. Sehr viele Waren erhalten wir in 25 kg-Gebinden (größtmögliche Einheit in Deutschland) und diese dann fast durchgängig in Papiersäcken. Plastikverpackungen sind in der Zulieferung noch nicht zu 100% vermeidbar, aber machen nur einen sehr geringen Anteil aus. Selbst in diesen Fällen fällt in der Gesamtbilanz deutlich weniger Müll an, als wenn der Kunde die gleichen Waren in Kleingebinden kaufen würde.

  1. Warum sind in den herkömmlichen Supermärkten oft gerade Biolebensmittel besonders viel verpackt? Bei Gurken ist mir das zum Beispiel aufgefallen.

Der Grund für diese besonders intensiven Verpackungen liegt darin, dass die Supermärkte sowohl konventionelle als auch Bio-Ware anbieten und dafür Sorge tragen müssen, dass keine Vermischung oder Verwechslung der Waren entstehen kann.

  1. Sie sind die Expertin: Was ist die schlimmste Verpackungssorte? Was ist ihr größter Geheimtipp zur Müllvermeidung?

Plastik sehe ich als die schlimmste Verpackungssorte, weil es jahrhundertelang (!) nicht abbaubar ist und zu massiven Umweltverschmutzungen führt, für die wir heute noch keine Lösungen haben. Leider sind inzwischen viele Waren sogar mehrfach verpackt – Beispiel: einzelne Käsescheiben getrennt über Plastiktrennblätter, auf Styropor gelegt, in Folie verpackt und in einer Pappschachtel verstaut… Mein größter Geheimtipp zur Müllvermeidung: Setzen Sie sich nicht unter Druck – schon schrittweise Änderungen sind ein toller Erfolg! Sie werden schnell merken, wie schon ein klein wenig bewussterer Einkauf nicht nur einfach einen positiven Beitrag zu unserer aller Umwelt darstellt, sondern Ihre ganz persönliche Lebensqualität steigert.

Wir haben hier Ideen gesammelt, aus denen man für den Anfang einfach individuell die auswählen kann, die man gut und gerne umsetzen kann und möchte. Als erster Schritt lohnt sich der Blick in die Mülltonne, um herauszufinden, was eigentlich zu Hause den meisten Abfall ausmacht, um dort ansetzen zu können. Vielen Dank an Stefanie und Andrea fürs Mitsammeln!

  1. Verzicht: Beim Einkaufen vor der Kasse noch einmal innehalten und überlegen, ob man das alles wirklich will und braucht.
  2. Unverpackt kaufen: Vieles und an vielen Stellen kann man ohne Verpackung kaufen, nicht nur in speziellen Läden. Gerade bei Obst, Gemüse und Molkereiprodukten kann man direkt vom Erzeuger, auf dem Markt oder im Kisten-Abo beziehen. An vielen Frischetheken kann man mit den mitgebrachten Behältnissen einkaufen, wenn man fragt. Sie dürfen halt aus hygienischen Gründen vollkommen zurecht nicht hinter die Theke und man bekommt vielleicht einen Aufkleber drauf. Die Einführung eines Brotbeutels für den Gang zum Bäcker und natürlich die Anschaffung von wiederbefüllbaren Bechern, Brotdosen und Trinkflaschen ist leicht und schnell umsetzbar!
  3. Mehrweg: Wo kann man auf Pfandsysteme umstellen? Immer den Stoffbeutel/ den Einkaufskorb dabeihaben, um auch für Spontankäufe gerüstet zu sein. Akkus sind übrigens auch eine Art von Mehrwegverpackung …
  4. Wiederverwerten: Es gibt viele tolle Ideen zum Upcycling, ob nun als Bastelmaterial oder auch zum zweiten Leben als Geschenkverpackung, Blumenvase, als Aufbewahrung. Es ist doch zum Beispiel verrückt, Einmachgläser zu kaufen und gebrauchte Marmeladengläser wegzuschmeißen. Eierkartons eignen sich für viele Gelegenheiten: Als Anzuchtbeete zum Beispiel oder zum Farben anmischen… Leere Flaschen gehören oft zu den beliebtesten Spielzeugen in Badewanne, Planschbecken und Sandkasten und aus alten Schachteln und/oder Dosen kann man eine Art 3-D-Memory herstellen.
  5. Zweite Hand: Vieles kann man verschenken, verkaufen oder weitergeben, anstatt es wegzuschmeißen. Solche Systeme fördert man natürlich, indem man selbst auch SecondHand-Käufer wird oder Tausch- und Leihangebote nutzt.
  6. Großgebinde: Es gibt Dinge, die man in großen Mengen und immer wieder braucht und die eine Vorratshaltung erlauben, so dass man sie in großen, oft umweltfreundlicheren Verpackungen kaufen kann. Da muss jede Familie mal schauen, was das bei ihr ist: Nudeln oder Reis, zum Beispiel.
  7. Abschaffen: Werbung und Kataloge abbestellen. Man kann doch vieles auf elektronischem Wege lesen und anschauen und braucht die ganze Post vielleicht gar nicht. Frischhalte- und Alufolie kann man meistens ersetzen, indem man geschlossene Behältnisse verwendet oder zum Abdecken einfach saubere Tücher oder Teller benutzt.
  8. Selber machen: Der Joghurtbereiter (findet man oft auf dem Flohmarkt) funktioniert super und auch Pudding, Kekse und andere Naschereien und Zwischenmahlzeiten kann man perfekt in Portionsgläsern (zum Beispiel Marmeladengläsern) selbst zubereiten.  Auch Eis läßt sich gut selbst machen. Dazu haben wir bei unseren Rezepten ein paar Beispiele (Erdbeer und Schoko)! Das hat zudem den Vorteil, dass man die Zutaten besser im Blick hat und zum Beispiel die Zuckermenge reduzieren kann. Es gibt auch Rezepte für Reinigungsmittel und Kosmetika.
  9. Das kleinere Übel: Die Recyclingquote bei Papier und Glas ist besser als bei Plastik, so dass man schauen sollte, wo man auf diese Verpackungen umstellen kann. Waschpulver wäre eine Möglichkeit. Papierklebeband ist in diesem Sinne auch besser als Plastikklebstreifen, und zum Putzen und Wegwischen kann man bei den meisten Gelegenheiten gut Tücher und Lappen verwenden.
  10. Aufbrauchen: Manche Dinge kann man fast rückstandslos aufbrauchen: Bleistifte sind in diesem Sinne besser als Kugelschreiber, zum BeispielUnser Web-Tipp dazu

Nachhaltigkeit Plastik Verpackungsfrei

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