LWL-Römermuseum in Haltern am See

Von Haltern nach Germanien

Schon vor mehr als 2.000 Jahren war Haltern am See eine sehr gute Adresse, wenn man sich für die damals noch nicht antiken Römer interessierte. Hier hatten sie ein großes Lager aufgeschlagen, um ihre Eroberung Europas über Germanien auszudehnen. Mehr noch, sollte hier eine zentrale Verwaltung der im Norden mal flugs noch zu erobernden Gebiete eingerichtet werden. Der dafür von Kaiser Augustus geschickte Feldherr Varus durfte sich getrost siegessicher geben, denn schließlich war in diesem Herbst im Jahre 9 n. Chr. die römische Armee sowas wie der FC Bayern München der antiken Streitmächte – eigentlich unbesiegbar. Aber wie auch dem Rekordfußballmeister mal jemand in die Quere kommt, entschloss sich ein gewisser Arminius – später bekannt als Herrmann, der Cherusker – den Imperatoren im Teutoburger Wald und bei Kalkriese eine Grenze zu setzen. Die Geschichte ist gerade in Ostwestfalen hinlänglich bekannt, oder sollte sie zumindest. Und wenn man mehr über die Römer und ihren Eroberungszug in Germanien erfahren möchte, ist man auch heute in Haltern am See ganz richtig, denn an der Stelle des damaligen Römerlagers steht heute das LWL-Römermuseum. Unser Testteam hat sich dort auf eine spannende Zeitreise begeben.

Interessante Fundstücke und beeindruckende Nachbauten

Man findet zweierlei: Zum einen das spannende Museumsgebäude selbst, in dem archäologische Fundstücke, Rekonstruktionen und Erklärungen ausgestellt sind, und leicht dahinter die Römerbaustelle Aliso, für die ein Teil der Lagerumwehrung nachgebaut wurde. Im Museumsgebäude kann man sich in einem kleinen Kino mit einem eigens produzierten Film zurück versetzen ins Jahr 4 n. Chr. und bekommt die nötigen Hintergrundinformationen, bevor man sich dem großen Ausstellungsraum widmet. Tatsächlich besteht die eigentliche Ausstellung aus nur einem großen Saal, aber in dem kann man schon sehr viel Zeit verbringen, wie wir bemerkt haben. Gleich zu Anfang hatten wir eine schwere Entscheidung zu treffen, denn das Museum macht sehr viele Angebote für seine Besucher und Besucherinnen und gerade auch für Familie. So sammelte sich, als wir eintrafen, die kostenlose Herbstferienführung für Kinder (solche Führungen werden regelmäßig angeboten), und das klang sehr verlockend. Wir blieben aber dann doch bei unserem ursprünglichen Plan, die Entdeckertour auszuprobieren, bei der man mit einem Korb und einem iPad ausgerüstet im eigenen Tempo das Museum erkundet.

„Mit iPad und cista in die Römerzeit“

Im Korb, der sogenannten Cista, lagen mehrere (natürlich mit römischen Zahlen) nummerierte Leinenbeutel, die nach und nach zum Einsatz kamen. Auf dem iPad starteten wir unseren Rundgang, auf dem uns der römische Junge Lupinus führte. Rundgang trifft es übrigens nicht ganz, denn Lupinus schickte uns kreuz und quer durch den Saal, so dass es immer etwas zu suchen gab und alle in Bewegung blieben. Zu Beginn aber legten die Kinder, die darauf Lust hatten, typisch römischen Tuniken an, die im Laufe der Zeit aus der Cista noch ergänzt wurden. Wir lernten die ganze römische Familie kennen und konnten etwa die Schmuckstücke der Frauen, die Spielzeuge der Kinder, die Rüstung der Legionäre und das Geld der Römer direkt in Schaukästen bestaunen. Der Inhalt unseres Korbes lieferte dazu immer wieder auch Praktisches und Handfestes. Außerdem standen natürlich das Römerlager und der Alltag der Legionäre im Mittelpunkt. Die Ausstellung bindet augenzwinkernd auch das Nachleben der Römer in der Populärkultur ein. Asterix und Obelix, die wohl prominentesten Gegner der Römer (sorry, Arminius…), begegneten uns an verschiedenen Stellen. Und sofort beim Betreten schweift der Blick zu den und über die drei Legionen selbst, die mit Varus von hier aus in die Schlacht zogen, denn die marschieren als riesige Spielzeugfiguren-Karawane durch die komplette Ausstellung. Da wir getrost davon ausgehen, dass man sich dabei der Anzahl nach an den historischen Quellen orientierte, dürften es über 15.000 Spielzeug-Römer sein, die hier marschieren.

Spielzeug gibt es übrigens auch in dem kleinen, aber sehr gut sortierten Museumsshop, der gleich an das kleine Bistro angrenzt. Auch dafür ist also bestens gesorgt.

Außenbereich

Im Außenbereich sieht man zunächst ein typisches römisches Schnellboot. Schließlich hatten die Römer nicht mit dem Pfeil auf die Landkarte geworfen, um einen Standort für ihr Lager zu finden, sondern verkehrstechnisch strategisch gedacht. Von hier aus verschifften sie Männer und Ausrüstung über die Lippe weiter nach Germanien hinein. Und dass das im Herbst kurz nach Christus wahrscheinlich keine launige Bootstour war, spürt man auch zwei Jahrtausende später noch, vor allem wieder im Herbst bei leichtem Nieselregen. Der Nachbau eines Teilstücks der Umwehrung des Lagers erhebt sich neben dem rekonstruierten Boot, und macht einen stattlichen Eindruck. Damit wird der Vorstellungskraft perfekt auf die Sprünge geholfen. Wenn man nämlich auf der Schautafel ausmacht, wie klein dieses Stück im Vergleich zum großen Ganzen ist, steht der Mund offen.

ELTERMEINUNG

Mehr als nur Tonscherben

Der vergleichsweise schlichte Name des Museums ist Programm: Die Römer trifft man hier, und zwar die Soldaten, die vor 2.000 Jahren in unserer Nachbarschaft unterwegs waren, um unsere Vorfahren zu unterwerfen. Tatsächlich bietet diese Ausstellung mehr als zerbrochene Krüge und Tonscherben, wie wir sie nun doch schon des Öfteren, wenn nicht sogar oft genug, besichtigt haben. Es gelingt, das militärische Römerleben lebendig zu machen und so nicht einfach mehr Infos anzusammeln, sondern Wissenslücken zu stopfen und Puzzleteile zu verbinden. Eigentlich kann man sich denken, dass bei dreißig Jahren Krieg auch Familien mit unterwegs waren. Es leuchtet ein, dass ein Römerlager mehr war als eine Ansammlung von Zelten und auch einen Gutteil an der zurecht berühmten römischen Kultur und deren technischen und zivilisatorischen Errungenschaften mit sich führte, aber so richtig klar war uns das noch nicht. Allzu oft steht man doch gerade in archäologischen Ausstellungen und ist zwar beeindruckt, aber dennoch so schlau als wie zuvor, weil zu viel Hintergrund einfach so vorausgesetzt wird. Dieses Museum erklärt, warum gerade diese Fundstücke hier liegen und was wir daraus lernen können. Die Familienentdeckertour ist dazu bestens geeignet, und unbesehen gilt das sicherlich auch für die anderen (Audio-)Führungen.

Beim Betreten der Außenanlage wünschten wir uns kurz, wir wären bei besserem Wetter nach Haltern gefahren (Dann hätten wir uns vielleicht auch noch den See selbst angeschaut. Der soll nämlich auch ganz toll sein…), aber eigentlich waren leichter Regen, fieser Wind und grauer Himmel perfekt. Schließlich mussten die römischen Wachen auch bei diesen Bedingungen auf ihrem Posten ausharren und da war nix zu wollen in Sachen Unterstellen. Nix für Warmduscher – obwohl, das haben sie ja durchaus gerne gemacht, wie wir bei unserem zweiten Ausflug diese Woche gelernt haben. Aber das ist eine andere Geschichte…

KINDERMEINUNG

Bildschirm nicht als Selbstzweck

Wenn man Kindern ab einem gewissen Alter ein iPad in die Hand drückt, kann ja schon mal nicht mehr viel schief gehen. Ihnen muss man auch meistens nicht mehr erklären, wie man dann durchs Programm navigiert. Läuft! Diese interaktive Führung hier allerdings wurde mit besonderer Liebe zum Detail entworfen. So steckt der Bildschirm in einem Holzrahmen und fasst sich damit gleich viel antiker an. Außerdem hatte uns Museumspädagogin Renate Wiechers nicht zu viel versprochen, als sieerklärte, dass die Technik nicht Selbstzweck sein soll. Die Elektronik ergänzt und leitet, aber man soll und muss doch vor allem in die Vitrinen und sonst um sich herumschauen. Das wurde gerne und ausgiebig in Anspruch genommen von unseren Testkindern Milla und Paula (beide 7 Jahre) und Julius (11 Jahre). Mit der Entdeckertour erlebt man das Museum mit allen Sinnen: Man muss die Stationen suchen und läuft dabei mehr als einmal quer durch den großzügigen Raum. Es gibt Stationen, wo man mit passenden Holzteilen das benachbarte Lager-Modell nachbauen kann, oder auch eine Schmökerecke, in der man ebenso in Kinder-Wissensbücher wie auch in Asterix-Comics blättern oder gar lesen kann. Und vor allem bringen die Leinensäckchen aus dem Korb die Dinge zum Anfassen zutage, die man in den Vitrinen vor sich sieht. Auch hier mit Liebe zum Detail. Fasst mal in die virtuelle Flamme auf dem Bildschirm 😊!

Anfassen ausdrücklich erwünscht

Die Kinder hatten richtig viel Spaß, kosteten den Raum voll aus und waren mehr als einmal freudig überrascht, als sie ehrfurchtsvoll vor einem Exponat standen und dann erfuhren, dass Anfassen an dieser Stelle ausdrücklich erwünscht war. Wie soll man sich auch sonst einen ordentlichen Eindruck vom Marschgepäck verschaffen, zum Beispiel? Der Lateiner unter uns konnte sein Wissen an mehreren Stellen einbringen und verblüffte uns mit einer ausführlichen Erklärung der Aufstellung der Spielzeug-Legionen. Dieses Spezialwissen allerdings kam nicht aus dem Schulbuch, sondern war spezieller Fachlektüre zu verdanken. Kleiner Tipp: Der Eine ist dick und der Andere hat Flügel am Helm.

Hier geht es zum LWL-Römermuseum 

Antike LWL Museum Römer

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