Kinder und Medien – Interview mit Kommunikationswissenschaftlerin Jeannine Teichert

Foto: Beate C. Köhler

Jeannine Teichert, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medienwissenschaften an der Universität Paderborn

Medien sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken und umgeben uns allenthalben. Natürlich geht es den Kindern und Jugendlichen ganz genauso. Eltern und Pädagog*innen stehen vor der Herausforderung, ihren Schützlingen einen sicheren und vernünftigen Umgang mit Medien zu vermitteln. Aber was bedeutet das eigentlich? Und wie kann man das hinkriegen?

Ich habe die Kommunikationswissenschaftlerin Jeannine Teichert danach gefragt. Spoileralarm: Es gibt Interviews, die einem tatsächlich eine ganz neue Sichtweise eröffnen. Dieses gehört dazu, denn ich musste mich erstmal an den Gedanken gewöhnen, dass Medien gar nicht unbedingt der Feind und die Wurzel allen Übels sein müssen…

Forschungsbereich Medienkompetenz

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Ich freue mich sehr über dieses Gespräch, denn das Thema „Kinder oder auch Jugendliche und Medien“ scheint mir täglich präsent zu sein. Da habe ich so viele Fragen gesammelt, dass es wahrscheinlich für mehr als nur ein Interview locker reichen würde. Aber zuvor möchte ich doch gerne auch ein bisschen über Sie und Ihre Arbeit erfahren. Ist es richtig, wenn ich Sie als Medienwissenschaftlerin bezeichne?

Jeannine Teichert

Tatsächlich bin ich streng genommen Kommunikationswissenschaftlerin. In Deutschland unterscheidet man dabei zwei Disziplinen, die sich aber natürlich in vielem überschneiden und an den Universitäten meist interdisziplinär unterrichtet werden.

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Ihr Schwerpunkt hier in Paderborn liegt im Bereich der Medienpädagogik und empirischen Medienforschung. Das Thema bekommt durch die letzten anderthalb Jahre besonderes Interesse, stelle ich mir vor.

Jeannine Teichert

Wir beobachten dies gerade im BMBF-geförderten Projekt „DigHomE – Digital Home Learning Environment“, wobei es vor allem um die Kinder zwischen 10 und 12 Jahren geht. Tatsächlich ist diese Arbeit schon 2019 gestartet, aber gestaltet sich derzeit umso aktueller.

Medien als Gefahren oder Möglichkeiten?

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Sie forschen also, wie sich digitales Lernen zu Hause gestaltet und gelingen kann? Zum Homeschooling möchte ich unbedingt später auch noch kommen. Aber einsteigen würde ich gerne etwas genereller: Wenn ich als Mutter über den Umgang meiner Kinder mit Medien nachdenke, frage ich mich manchmal, ob ich vielleicht die falsche Grundeinstellung mitbringe.

Ich habe mich damals an der Uni für eine Prüfung mit Mädchenbüchern beschäftigt. In den Quellen fiel mir auf, dass in früheren Zeiten eindringlich vorm Lesen für Kinder gewarnt wurde, und das ganz besonders für Mädchen. Man war beispielsweise besorgt, dass sie irgendwann die Buchwelt nicht mehr von der Realität unterscheiden könnten. Insgesamt gab es oft Argumente gegen das Lesen, die ich später auch gegen das Fernsehen und inzwischen auch gegen andere Medien gehört habe. Da frage ich mich doch, ob man einfach immer allen Medien zu skeptisch gegenübersteht. Wie begründet ist das denn?

Jeannine Teichert

Eltern wollen ihre Kinder oft vor Unbekanntem beschützen. Das passiert ganz instinktiv und ist ebenso normal wie verständlich. In unseren Studien beobachten wir gerade in Bezug auf das Internet eine sogenannte Bewahrpädagogik. Eltern sehen oder befürchten zumindest Gefahren für ihre Kinder im Umgang mit Medien. Die gibt es natürlich auch, aber Eltern sollten ihren Kindern genauso die Möglichkeiten von Medien bieten und vor allem nahebringen.

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Ich merke wohl den kleinen, feinen Unterschied in der Wortwahl. Auch ich assoziiere mit Medien vor allem Gefahren und Risiken, die Vokabel „Möglichkeiten“ erscheint erst weit dahinter. Wobei irgendwo tief in mir auch schon die Vermutung dämmerte, dass es wohl keine Lösung sein kann, den Kindern Medien zu verbieten. Das wäre nicht nur weltfremd… Und dennoch hört man gerade bei Kindern im Vorschulalter oft den stolz vorgebrachten Satz der Eltern: „Mein Kind interessiert sich gar nicht fürs Fernsehen.“ Demnach wäre das gar kein Grund zur Freude.

Jeannine Teichert

Eine Abwandlung dieser Aussage lautet: „Mein Kind weiß gar nicht, was es mit dem Computer anfangen sollte.“ Der Zugang zu Medien bildet auch. Wenn man den Kindern diesen verwehrt, nimmt man ihnen die Möglichkeit, den Umgang zu üben. Das ist ganz klar nicht erstrebenswert. Eltern zögern häufig, ihr Wissen um die Medien weiterzugeben. Sie wollen sich damit lieber nicht beschäftigen, oft aus Angst, die damit verbundenen potenziellen Gefahren nicht mehr kontrollieren zu können. Gerne spricht man von Kindern und Jugendlichen als Digital Natives und meint damit, dass sie den (sinnvollen) Umgang mit Medien einfach so mitbekämen oder sogar mitbrächten. Wäre dem so, könnte man die Geräte stellen und dann das Kind machen lassen. Aber dieses Herangehen funktioniert ebenso wenig wie das strenge Limitieren des Zugangs.

Active Mediation – gemeinsam Medienkompetenz erlernen

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Ich höre schon raus, dass Medienkompetenz eine Erziehungsaufgabe ist. Aber wie soll man da sinnvoll vorgehen?

Jeannine Teichert

Wir können beobachten, dass von Kindern erwartet wird, dass sie eine Tastatur oder Maus bedienen können, weil uns Erwachsenen selbst das inzwischen so selbstverständlich vorkommt. Dann sind Eltern ganz erstaunt, wenn ihre Kinder nicht einfach lostippen und klicken können.

Grundsätzlich muss man lernen, die Möglichkeiten zu nutzen und Gefahren zu erkennen und zu vermeiden. Neben den rein technischen Kompetenzen gilt es zu erlernen, dass manche Dinge nicht gut sind, aber eben auch, warum sie das nicht sind.

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Man bringt auch niemandem Fahrradfahren bei, indem man ihn aufs Rad setzt und einfach machen lässt, sondern hält noch eine ganze Weile am Gepäckträger fest und korrigiert, gibt Tipps. Darf man das so vergleichen?

Jeannine Teichert

Medienkompetenz zu erlernen ist auf jeden Fall auch ein Prozess, der begleitet werden muss. Kindliches Denken unterscheidet sich von dem der Erwachsenen. Bekommen Kinder die Aufgabe einer Internetrecherche, fördern sie oft ganz seltsame Ergebnisse zutage. Aber wie sollten sie die Suchergebnisse auch einordnen können, wenn es ihnen niemand gezeigt hat?

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Aber wie soll man ihnen das beibringen? Es gibt ja Kinder-Suchmaschinen, die Ergebnisse nach Kindertauglichkeit filtern. Aber unserer Erfahrung nach, fallen dann oft so viele Suchseiten weg, dass man eigentlich zu gar keinem Ergebnis kommt.

Jeannine Teichert

Wir sprechen von „Active Mediation“ und meinen damit, dass sich Kinder und Erwachsene gemeinsam Inhalte erarbeiten. Die Eltern können beispielsweise fünf oder sechs Websites vorgeben, die sie für sinnvoll halten, aber eben auch erklären, warum! Wenn man etwa die „Tagesschau“ vorschlägt, sollte man auch dazu sagen, dass es hier um geprüfte und journalistische Inhalte geht, nicht um private Meinungen. So erarbeiten sich die Kinder nicht nur einen Fundus an Suchseiten, sondern auch Kriterien zur Bewertung.

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Ich stelle das Kind auch nicht in die Bibliothek und sage: „Such mal!“ – verstehe. In welchem Alter kann ich meinen Kindern denn überhaupt zutrauen, solche Orientierungshilfen zu verstehen?

Jeannine Teichert

Wir beobachten in der Projektarbeit, dass Kinder schon ab 10 Jahren Inhalte im Internet bewerten. Dann kommt Kindern manches seltsam oder eher glaubwürdig vor. Da können Erwachsene dann bestätigen, erläutern und begleiten. Schwierig wird es dann bei den Influencer*innen, denn ganz klar vertrauen Kinder und Jugendliche den Leuten, die in Alter und Denkweise so nah an ihnen sind, sehr stark.

Zusammenarbeit von Elternhaus, Kita und Schule

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Vielen Eltern wird jetzt beim Lesen schon mulmig werden, denn das klingt nach einer großen erzieherischen Herausforderung. Ganz ehrlich: Das muss man ja auch selbst alles erstmal wissen und können. Das würde manch eine/r sicherlich gerne in professionelle Hände abgeben. Wie sehen Sie die Aufgabe der Kitas und Schulen dabei?

Jeannine Teichert

Da gehört das Thema natürlich auch hin! Gerade Internetrecherche muss man noch viel mehr üben, finde ich. Oft bekommen die Kinder eine Liste von festen Links von der Schule, wo sie etwas anschauen sollen. Aber so lernt man eben nicht die aktive Suche.

Idealerweise muss eine enge Zusammenarbeit zwischen Kita/Schule und Elternhaus angestrebt werden. Langfristig müsste Medienkompetenz wie eine Kulturtechnik erlernt werden.

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Die aktuelle Situation mit Homeschooling-Etappen und ähnlichem scheint mir aber doch erschreckend deutlich zu machen, dass da noch einiges zu tun ist. Aktuell kommt es mir vor, als hätte man einen schwer durchlöcherten Gartenschlauch und drückt hier und da eine Hand auf die Löcher, aber dann spritzt das Wasser eben an anderer Stelle hoch. Für mich als Mutter sieht das nicht nach einem langfristigen Konzept aus, zumal gerade digitales Lernen wieder eher rückläufig ist, oder?

Jeannine Teichert

Die Pandemie hat natürlich auch in diesem Bereich vieles plötzlich dringend gemacht, was dann schnell und nicht immer ideal gelöst wurde. Man fragt sich beim Lernen zu sehr, was man JETZT GERADE braucht und wir beobachten, dass die Geräte jetzt mit einem Seufzer der Erleichterung wieder weggepackt werden und man zurück zu altbekannten Methoden geht. Das ist mehr als schade, denn den erarbeiteten Spielraum im digitalen Lernen müsste man weiter bespielen. Es gibt eine Basis, und da kann man schon die Frage stellen, warum die so wenig genutzt wird, um in die Richtung weiterzumachen.

Digitales Lernen in der Schule

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Vielleicht bin ich altmodisch, aber mir liegt immer noch daran, dass man nicht zu sehr medienbasiert sein Wissen bezieht. Ich habe gelesen, dass manche Staaten der USA keine Handschrift mehr unterrichten, weil man davon ausgeht, dass das eigentlich ohnehin überflüssig ist. Brauchen wir überhaupt noch sowas wie Allgemeinbildung, wenn doch alles Wissen immer und überall abrufbar ist? Wozu soll ich lernen, was die Hauptstadt von Tibet ist, wenn ich es doch googlen kann? Ich gehöre doch selbst zu den Menschen, die sich oft gefahrene Wege gar nicht mehr merken, weil sie einfach das Navi nutzen. Ich weiß, ich klinge sehr kulturpessimistisch…

Jeannine Teichert

Ich denke schon, dass Bildung und Wissen außerhalb von Computern weiterhin eine Rolle spielen werden. Essentielle Kompetenzen wie Handschrift und Basiswissen müssen bleiben, schon weil das Internet eben nicht immer und überall verfügbar ist.

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Es gibt viele Diskussionen um den Einsatz von Tablets im Unterricht und die Schulen gehen offenbar sehr unterschiedlich mit dem Thema um. Ich muss sagen, dass ich keine rechte Position für mich finde. Natürlich wäre es toll, wenn die Kinder nicht mehr so viel Bücher und Material tragen müssten, aber ist das alles wirklich so sinnvoll? Ich meine, das Gerät an sich zu benutzen, kann doch nicht so erstrebenswert sein.

Jeannine Teichert

Das sehe ich genauso. Wenn es nur als digitales Schreibgerät oder Ebook-Reader eingesetzt wird, kann man es auch lassen, denn dazu wäre es dann vielleicht auch schlicht zu teuer und aufwändig. Es genügt nicht, das Analoge zu digitalisieren, es sollte einen Mehrwert erzielen. Das kann es aber auch.

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Was würden Sie sich für die Schulen in Sachen Medienerziehung wünschen?

Jeannine Teichert

Ganz klar sollte Medienkompetenz bundesweit ins Curriculum aufgenommen werden. In NRW gibt es schon den Medienkompetenzrahmen, aber das muss ausgeweitet werden. Weiterhin muss die Möglichkeit geschaffen werden, alle und alle gleich mit Geräten auszustatten. Ohne die flächendeckende Ressourcenausstattung wird es nicht recht voran gehen. Außerdem müssen die Lehrer*innen entsprechend aus- und weitergebildet werden.

Faszination Bildschirm

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Lassen Sie uns bitte noch einen Schritt zurück ins Allgemeine gehen. Warum sind Bildschirme für Kinder generell so faszinierend? Schon Babys schauen zum Fernseher, wenn er eingeschaltet wird.

Jeannine Teichert

Das leben wir Erwachsenen ihnen doch vor. Auch unser Blick wandert zum Bildschirm und wir schauen so viel auf Bildschirme, dass die Kinder das eben genauso wollen. Kinder können sehr lange nicht zwischen Spielen und Arbeiten unterscheiden, und sie nehmen einfach wahr, dass die Großen so viel Zeit an Bildschirmen verbringen, dass sie das dann auch möchten.

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Auch wenn ich jetzt gelernt habe, dass ich Medien einfach mal mehr nach Möglichkeiten als nach Gefahren bewerten sollte, finde ich das bei den sozialen Medien und den Messengerdiensten besonders schwierig. Dabei steht man zusätzlich noch vor der Gefahr, sein Kind sozial zu isolieren.

Social-Media-Nutzung

Jeannine Teichert

Auch in diesem Zusammenhang plädiere ich für mehr Schattierungen statt nur Schwarz-Weiß-Malerei. Eltern müssen für sich die Frage beantworten, ob sie sich einem gewissen Gruppenzwang unterwerfen möchten. Beuge ich mich einfach der Mehrheit oder gibt es gute Gründe? Kinder finden auch ohne Messenger Möglichkeiten zur Kommunikation. Aber gerade während des Lockdowns bedeuteten WhatsApp und Co. für Jugendliche eine wichtige soziale Anbindung. Die Erwachsenen haben das ja auch genutzt, warum sollten Kinder es also nicht dürfen? Es gibt noch nicht viele Studien zu den langfristigen Auswirkungen des Lockdowns, aber in den vorliegenden Untersuchungen wurden durchaus die Auswirkungen der sozialen Isolation von Gleichaltrigen bis hin zur Depression beobachtet.

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Sie denken dabei an Kommunikation, ich an Mobbing.

Jeannine Teichert

Das Wohl des Kindes steht über allem, vor allem die mentale Gesundheit. Daher ist auch hierbei Anleitung wichtig und man muss im Blick behalten, wie das Kind diese Dienste nutzt und wie sich das auswirkt. Es gibt ja auch keinen Grund, alles zu erlauben. Es muss ja nicht überall Accounts einrichten, aber ein oder zwei Möglichkeiten zu schaffen, könnte doch sinnvoll sein, gerade wenn es Kommunikation in schwierigen Zeiten ermöglicht. Zugleich stellt man am besten mit seinem Kind zusammen Regeln auf, was etwa die zeitliche Nutzung angeht, was man eben nicht postet und so weiter. Aber so, dass es nachvollziehbar und verständlich wird.

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Was ist denn aus dem guten, alten Telefonieren geworden? Das kommt irgendwie gar nicht mehr vor.

Jeannine Teichert

Wie viel telefonieren Sie denn noch? Ganz generell wird das weniger, ein Anruf erscheint heute viel mehr als Störung als vor einigen Jahren, eben weil es andere Kommunikationsformen gibt. Über allem muss eine Einordnung der Gerätenutzung stehen. Übermäßiger Gebrauch kann ganz klar, neben den mentalen, auch körperliche Gefahren bedeuten, aber eben nicht unausweichlich. Die aktive Auseinandersetzung mit der (Um-)Welt muss ebenso wichtig bleiben.

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Es geht mir gerade so, wie in meinem Gespräch mit einem Hautarzt vor einigen Jahren, der mir erklärte, dass Warzen gar nicht schlimm, sondern als Immuntraining eigentlich super sind. Hier muss ich auch komplett umdenken, denn tatsächlich betrachte ich Medien sehr skeptisch. Sie als Möglichkeit zu begreifen und zu fördern, muss ich noch ausbauen. Digital Natives scheint mir zu bedeuten, dass Kinder und Jugendliche einfach weniger hinterfragen und sich vor allem weniger wundern. Wahrscheinlich ist das immer so, denn mich interessiert auch nicht, wie die Waschmaschine ihre Aufgabe erledigt, was meiner Großmutter wie ein riesiges Wunder erschien. Ich danke Ihnen sehr für dieses wirklich interessante Gespräch.

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