Jenny Förster, Ernährungsberaterin

Ernährung und Essgewohnheiten scheinen in sehr vielen Familien ein großes Thema zu sein. Schon Babynahrung und Kleinkindessen stehen immer wieder im Mittelpunkt. Aber auch, wenn die Kinder größer werden, bleibt Essen ein Dauerbrenner und wird nicht selten zum Problem: Irgendwie verträgt sich zuweilen das Essverhalten der Kinder nicht mit den Ansprüchen der Eltern an Kochspaß und Nährwert. Da wird genörgelt und sortiert auf der einen und werden Haare gerauft und Hände gerungen auf der anderen Seite. Dabei sollte Ernährung vielleicht sogar Spaß machen.

Kann man solche Konflikte auflösen und vielleicht sogar von Anfang an vermeiden? Wir haben uns mit der Ernährungsberaterin Jenny Förster unterhalten, die selbst Mutter von zwei Kindern ist und in Paderborn Familien in Ernährungsfragen berät. Soviel sei vorab verraten: Mehr Gelassenheit könnte der Schlüssel zum Glück sein!

Individuelle Ernährungsberatung

Hasenfenster

Ich freue mich sehr, dass Sie sich Zeit für meine Fragen nehmen, denn ich habe in vielen Gesprächen mitbekommen, dass das Thema Essen in Familien gerne zum Streitthema wird. Aber bevor wir darüber reden, wüsste ich gerne, was eine Ernährungsberaterin eigentlich macht und wie Sie eine geworden sind?

Jenny Förster

Ich bin staatlich geprüfte und zertifizierte Diätassistentin und habe mich aus dem Weg der Elternzeit heraus selbstständig gemacht. Ich bekam einige Anfragen, ob ich nicht in Kitas oder anderen Gruppen mal über Ernährung reden könnte. Inzwischen habe ich mich gerade in diesem Bereich weitergebildet, biete regelmäßig Workshops über die Beikost und über die Kleinkinderernährung an. Im Moment passiert das vor allem online oder in Einzelberatungen, aber hoffentlich kann ich das Angebot bald auch wieder ausweiten. Zukünftig biete ich auch weitere Themen zur Darmgesundheit und Gewichtsreduktion an.

Hasenfenster

Bevor ich Ihnen das Leid von wählerischen Essern geplagter Eltern klage, wüsste ich gerne, wie es denn bei Ihnen zu Hause aussieht: Ist Essen bei Ihnen ein stressfreies Familienthema?

Jenny Förster

Ja, das kann ich schon sagen. Meine Kinder sind beide im Kitaalter und ich bin ganz zufrieden.

Hasenfenster

Da scheinen Sie einiges richtig gemacht zu haben …

Jenny Förster

Das glaube ich schon, aber ich bin ja auch vom Fach und so war mir das Thema von Anfang an nicht nur wichtig, sondern ich bin es vermutlich auch recht konsequent angegangen.

Ernährung in der Schwangerschaft

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Ich fürchte, wir waren da nicht konsequent genug, denn ich sehe noch Luft nach oben … aber der Reihe nach. Ernährungsfragen spielen bereits in der Schwangerschaft eine Rolle. Ich kann mich an eine lange Liste der Dinge erinnern, die es zu beachten und vor allem zu vermeiden galt. Inzwischen fallen mir oft Artikel auf, nach denen Lockerung in Sicht zu sein scheint. Überschriften wie „In Japan essen Schwangere täglich Sushi“ oder „Einfrieren tötet Salmonellen“. Gibt es da tatsächlich neue Erkenntnisse?

Jenny Förster

Nicht wirklich. Generell gilt besondere Vorsicht in der Schwangerschaft, denn man will das Risiko einer Erkrankung so gering wie möglich halten. Das ist zum einen geboten, wenn die Erkrankung sich direkt auf das Kind auswirken könnte, aber man will auch beispielsweise Magen-Darm-Verstimmungen vermeiden, die generell die Schwangere beeinflussen könnten. Insofern sollte man weiterhin darauf achten, dass man etwa eine Lebensmittelvergiftung vermeidet. Alkohol und Zigaretten sind in der Schwangerschaft ohnehin komplett tabu.

Empfehlung zum Stillen

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Das ist hoffentlich inzwischen allseits bekannt! Lassen Sie mich nach einer weiteren Weisheit fragen, die mir weithin anerkannt zu sein scheint: Stillen ist am allerbesten! Würden Sie das unterstützen?

Jenny Förster

Auf jeden Fall. Neben den ganzen Vorteilen, die den optimalen Nährstoffmix in der Muttermilch betreffen, bestimmt auch diese erste Ernährung oft weiteres Esssverhalten. Bei Flaschennahrung besteht die Gefahr der Überfütterung, denn davon ist im Zweifel einfach mehr da. Außerdem bedeutet das Trinken aus der Brust für die Kinder eine gewisse Anstrengung, wohingegen bei der Flasche die Milch einfach zu fließst. Man vermutet sogar einen Zusammenhang zwischen der späteren Entwicklung von Adipositas und dieser ersten Ernährung. Ein weiterer wichtiger Vorteil des Stillens ist die Allergieprävention und eine besondere Mutter-Kind Beziehung.

Hasenfenster

An dieser Stelle muss ich allerdings auch eine Lanze brechen für Mütter, die nicht stillen, denn das kann auch eine ganz schöne Quälerei bis unmöglich sein. Und auch dann werden die Kinder groß und oft ebenso gesund.

Jenny Förster

Natürlich kann das genauso gut funktionieren, aber es spricht aus meiner Sicht alles dafür, es zumindest zu versuchen. Teilstillen ist besser als gar nicht zu stillen!

Füttern verboten?

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Jetzt bewegen wir uns langsam auf feste Nahrung zu und da scheinen mir echte Fallen zu lauern, wie man späteres Essverhalten in unliebsame Bahnen lenken könnte. Aber auch beim Thema Beikost kommt man anscheinend zu immer neuen Erkenntnissen. Wie ist denn der aktuelle Stand?

Jenny Förster

Zu Beginn des 5. Monats und spätestens zu Beginn des 7. Lebensmonat sollte man mit der Beikost beginnen. Wichtig ist, dass man die Zeichen für die Beikostreife erkennt. Das Kind sollte mit etwas Unterstützung aufrecht sitzen und Dinge gezielt greifen können, zum Beispiel. Außerdem muss der Reflex verschwinden, bei dem die kleine Zunge den Löffel immer wieder rausschiebt. Natürlich sollte sich das Kind auch für das Essen interessieren, aber das ist hier nicht der ausschlaggebende Grund, wie von vielen vermutet.

Hasenfenster

Mir wurde zugetragen, dass man den Kindern verschiedene Essen zur Auswahl hinlegen soll und sie sich dann selbstständig nehmen, was sie möchten…

Jenny Förster

Ich denke, Sie meinen damit Baby-Led-Weaning. Es gibt durchaus Eltern, die dieses Prinzip komplett durchziehen. Das sind solche, die eben beim der Kinderernährung sehr viel Wert auf Selbstbestimmung legen.

Hasenfenster

Aber können die Kinder denn überhaupt schon alleine essen? Das klingt für mich nach großer Sauerei rund um den Essplatz und am Ende einem hungrigen Kind. Es dauert doch, bis so ein Brokkoli-Röschen weggelutscht ist, selbst wenn man es vorher gekocht hat.

Jenny Förster

Die Kinder greifen auch Spielzeuge und führen sie zum Mund. Warum sollte das also mit Nahrung oder sogar einem Löffel voll Brei nicht klappen? Aber, klar, sind dabei Ausdauer und Geduld gefragt.

Selbst würde ich zu einer Mischform raten. Ein Modell könnte sein, dass man mittags Brei füttert, abends aber, wenn vielleicht die ganze Familie am Tisch sitzt und mehr Zeit bleibt, darf das Kind mehr auswählen und selbst versuchen.

Hasenfenster

Also ist Füttern jetzt nicht vollkommen verpönt?

Jenny Förster

Nein. Gerade wenn man mehrere Kinder hat, muss es vielleicht auch mal schneller gehen und man hat einfach nicht die Ruhe. Allerdings sollte man sehr genau im Blick haben, ob das Kind vielleicht mehr selbst machen möchte. „Das kann ich alleine“ kommt irgendwann bestimmt. Ich habe schon einige Fälle erlebt, wo beispielsweise Essunlust letztlich daher rührte, dass das Kind gefüttert wurde. In Extremfällen kann das sogar zu Essstörungen führen, die man selbst bei 3jährigen schon antrifft.

Kinder machen einem eh alles nach

Hasenfenster

Und das kann natürlich keiner wollen. Ich höre schon raus, dass man durchaus manches regelrecht falsch machen kann. Was sollte man aus Ihrer Sicht unbedingt beachten?

Jenny Förster

Bei der Ernährung spielen Gewohnheiten und Vorbilder eine große Rolle. Kinder kann man schon sehr früh ins Kochen mit einbeziehen. Am Anfang waschen sie vielleicht das Gemüse ab, später schneiden sie Obst oder decken den Tisch. So bekommen sie einen Bezug zu den Mahlzeiten.

Und dann schauen sie sich sehr viel bei den Eltern ab. Wenn diese etwa wählerisch beim Essen sind oder am Tisch nachwürzen, werden sie das sehr wahrscheinlich übernehmen. Man muss also auch sein eigenes Essverhalten (und eventuell auch das seiner Partner*in) hinterfragen.

Ältere Kinder und Jugendliche können natürlich viel mehr Aufgaben übernehmen. Es ist auch hilfreich, einen Wochenplan zu machen und die ganze Familie einzubeziehen.

Wählerische Kinder beim Essen

Hasenfenster

Wir kommen zu meinem Lieblingsthema, den wählerischen Esser*innen. Ich weiß, dass ich genau so ein Kind war und es hat sich halbwegs rausgewachsen, aber wie kommt es dazu und wie kann man dem begegnen?

Jenny Förster

Essen sollte einfach nicht einen so großen Stellenwert haben. Das Schlimmste ist eigentlich, es ständig zu thematisieren, denn damit fordert man nur noch mehr Ablehnung heraus. Gerade bei Jugendlichen kann das problematisch werden.

Schon Kleinkinder kann man beim Essen einfach dabei sitzen und ein bisschen machen lassen, und auch den älteren Kinder sollte man einfach mehr Ruhe gönnen. Dann wird halt sortiert oder irgendwas ausgelassen. Man muss das einfach nicht beachten. Schließlich sollen die Kinder ihr natürliches Hungergefühl und Bedürfnis nach Essen doch wahrnehmen und auf keinen Fall verlieren. Wir reden dabei natürlich nicht von krankhaften Essstörungen.

Gleichzeitig sollten Kinder schon sehr bewusst essen in dem Sinne, dass sie eben nicht komplett abgelenkt werden. Spiele wie der berühmte Flieger-Löffel, der auf den Mund zuschwebt oder gar Essen vorm Fernseher verleiten dazu, das Sättigungsgefühl nicht wahrzunehmen.

Natürliches Hungergefühl wahrnehmen

Hasenfenster

Naja, aber wie reagiere ich denn, wenn bei der Mahlzeit nur alles auf dem Teller hin und her geschoben wird und dann eine halbe Stunde später der Kühlschrank oder gar der Süßigkeitenvorrat geplündert wird?

Jenny Förster

Mir passiert es auch, dass ich so gar keinen Hunger auf Herzhaftes, sehr wohl aber auf Süßes habe. Nachtisch darf es durchaus geben, aber nicht als Belohnung, wenn man was anderes gegessen hat. Alles hat seine Zeit und in Maßen auch seine Berechtigung.

Hasenfenster

Also, einfach locker bleiben. Das klingt nach einer echten Prüfung für Eltern. So recht bringe ich noch nicht zusammen, dem Essen weniger Bedeutung zuzumessen auf der einen Seite und auf der anderen Seite aber die gemeinsame Mahlzeit zu zelebrieren. Die hat doch auch eine soziale Bedeutung. Der Punkt eben, wo alle zusammenkommen und das Essen als Genuss.

Gewohnheiten pflegen

Jenny Förster

Vielleicht muss man sich davon einfach lösen und neue Rituale finden. Man kann doch auch zum Austausch zusammenkommen und nebenher essen. Genießen kann man auch trotzdem, aber das ist sowieso eher ein Thema für die Erwachsenen. Kinder bevorzugen oft Gewohntes und wertschätzen es gar nicht, wenn Eltern ausgefallene neue Gerichte kochen.

Hasenfenster

Aber ich dachte eher, dass man ihnen doch möglichst viel und immer wieder Neues anbieten muss.

Jenny Förster

Auch hier kann man eine Mischform finden. Meine Kinder lieben zum Beispiel Spinat mit Kartoffelbrei. Das geht immer. Es spricht doch nichts dagegen, wenn es das einmal die Woche gibt. Dann ist man zum Beispiel freitags schon mal auf der sicheren Seite und kann an einem anderen Tag ausprobieren. Wenn man einen Wochenplan gemeinsam erstellt, muss dann auch mal das gegessen werden, was Mama oder Papa aussuchen… Eine andere Möglichkeit wäre, Neues mit Gewohntem zu kombinieren. Dann ist nur eine Beilage oder Zutat unbekannt.

Kann man sich an einen Geschmack gewöhnen?

Hasenfenster

Kann man sich denn einen Geschmack angewöhnen? Muss ich nur oft genug Pilze probieren und werde sie dann irgendwann gut finden?

Jenny Förster

Im Prinzip schon. Bei Kleinkindern weiß man, dass es zehn bis zwanzig Kontakte mit einer Speise braucht, bis sie diese akzeptieren. Kontakt meint dabei auch Fühlen, Sehen und Riechen.

Nehmen Sie das Beispiel Kaffee. Den mag man anfangs eher nicht, aber dann probiert man immer und immer wieder, und meistens mag man ihn dann auch irgendwann.

Brei wird nicht gewürzt und die Kinder vermissen nichts. Aber irgendwann kommen sie auch mit Salz und anderem in Kontakt und stellen sich darauf ein. Würde man das dauerhaft weglassen, würde ihnen nichts fehlen. Einzig die Vorliebe für Süßes ist tatsächlich angeboren, denn Muttermilch ist süß und soll natürlich von Anfang an akzeptiert werden.

Die Farbe des Essens kann eine Rolle spielen

Hasenfenster

Sie sprachen eben schon Spinat an, der meiner Erfahrung nach einen unverdienten Ruf als Kinderschreck hat, denn den mögen doch ziemlich viele, oder? Stimmt es aber, dass Kinder phasenweise grünes Essen ablehnen?

Jenny Förster

Das kann tatsächlich gut sein und ist mit der Evolution begründet. Etwa um den zweiten Geburtstag herum mögen Kinder besonders gerne rote Sachen, denn die Farbe steht für reif und süß, wohingegen grüne Früchte eher ungenießbar sind und deshalb die Farbe abgelehnt wird. Das kann man auch nutzen, wenn man zum Beispiel rote Sauce kombiniert.

Das mag ich nicht, gibt es nicht

Hasenfenster

Wenn ich Sie also richtig verstehe, fällt die Ausrede „Das mag ich nicht“ eigentlich aus, weil man sich an alles gewöhnen kann?

Jenny Förster

Genau. Trotzdem wird man natürlich Vorlieben haben, die sich in allem Möglichen begründen. Schon die Ernährung in der Schwangerschaft spielt dabei eine Rolle, ob man beispielsweise lieber Herzhaftes oder Süßes isst.

Muss man den Teller leer essen?

Hasenfenster

Ich ahne die Antwort schon, stelle die Frage aber trotzdem: Muss man den Teller leer essen?

Jenny Förster

Auf keinen Fall. Man sollte nie gegen sein Sättigungsgefühl angehen, denn dann läuft man Gefahr, es zu verlieren.

Kinder als Vegetarier oder Veganer

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Essen ist inzwischen auch zu einer Frage der Haltung geworden. Wie stehen Sie zu vegetarischer oder veganer Ernährung bei Kindern?

Jenny Förster

Beides würde ich ablehnen, besonders im ersten Lebensjahr, eigentlich aber im gesamten Wachstum. Der Eisenbedarf ist beispielsweise über Getreide kaum ausreichend abzudecken und Milchprodukte sind wichtige Calciumquellen. Für Erwachsene ist das machbar, aber für Kinder finde ich das sehr problematisch. Man muss wahrscheinlich mit Nahrungsergänzungsmitteln supplementieren.

Zugleich kann und sollte man auf Qualität achten. Das muss nicht unbedingt immer Bio sein, aber gute und frische Qualität ohne Konservierungsstoffe aus guter Quelle und hochwertiger Verarbeitung. Essen für Kinder sollte bunt, vielfältig, saisonal und von allem etwas sein. Dazu gehört aus meiner Sicht auch zwei- bis dreimal pro Woche Fleisch und mindestens einmal Fisch.

Und was koche ich nun?

Hasenfenster

Ich lese oft Rezeptideen für Kinder, von denen ich ganz sicher weiß, dass unsere Kinder sie nie essen würden. Haben Sie noch ganz heiße Tipps, was auf jeden Fall gemocht wird?

Jenny Förster

Bei uns sind Aufläufe und Cremesuppen der Hit. Unsere Kinder lieben das.

Hasenfenster

Aber in Aufläufen ist doch alles gemischt. Das geht doch gar nicht!!!!

Jenny Förster

Ja, viele mögen es lieber getrennt, aber es müssen ja nicht viele verschiedene Zutaten sein. Generell sind es oft die einfachen Gerichte, die gut ankommen.  Außerdem spielt, glaube ich, auch Konsistenz eine Rolle. Die Suppen sind so schön matschig…

Hasenfenster

Ich nehme mit, dass man einfach mal ein bisschen weniger Getue ums Essen machen sollte, wenn man seinen Kindern ein entspanntes Verhältnis dazu mitgeben möchte. Ich bin gespannt auf den Praxistest und bedanke mich sehr für dieses Gespräch.

Mehr über die Arbeit von Jenny Förster findet ihr hier.

Über Schul- und Kitaverpflegung haben wir vor einiger Zeit ebenfalls ein Interview geführt. Das findet ihr hier.

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