Expertentipp: Eichhörnchen

Ich erinnere mich noch sehr gut an meine erste Eichhörnchenbegegnung. Ich war längst erwachsen, stand vor einem Tierparkgehege und war hellauf begeistert, das possierliche Tierchen live und in Farbe zu erleben.

Inzwischen gehören Eichhörnchen in Paderborn und sicherlich auch weit darüber hinaus zum alltäglichen Bild, selbst in Innenstadt und Wohngebieten. Den ersten Lockdown 2020 versüßte uns eine Eichhörnchenfamilie, die im großen Nachbarbaum Quartier bezogen hatte. Und natürlich hängt in unseren Garten längst ein Futterhaus und auf der Fensterbank  liegen Nüsse parat. Aber ist das denn eigentlich alles richtig so?

Wie gut, dass wir Steffi und Werner Schmitz von Aktion Eichhörnchen e.V. gefunden haben. Nach eigenem Bekunden sind sie „eichhörnchenverrückt“, haben eine Auffangstation für die kleinen Nager in Unna und kümmern sich um das Auswilderungsgehege im Wildwald Vosswinkel.  Da die Eichhörnchen im warmen Wohnzimmer aufgezogen werden, müssen sie sich erst im Auswilderungsgehege an Wind, Regen, Geräusche etc. gewöhnen und verbleiben dort im Regelfall ca. 2-4 Wochen bevor sie in die Freiheit im Wildwald Vosswinkel entlassen werden.

Die Eichhörnchenfreunde haben uns auch die Fotos für diesen Artikel zur Verfügung gestellt!

Maxi im Fellwechsel
  1. Eichhörnchen sind offensichtlich nicht gleich Eichhörnchen. Vor allem farblich unterscheiden sie sich stark. Aus England kenne ich sogar ganz Graue, hier sind sie manchmal eher schwarz und manchmal, wie gemal, rotbraun. Sind das einfach verschiedene Sorten?

Europäische Eichhörnchen (sciurus vulgaris) gibt es mit Färbungen von fuchsrot bis tiefschwarz, die grauen Eichhörnchen in England (Sciurus carolinensis) sind mit ziemlicher Sicherheit amerikanische Grauhörnchen, die haben dort nämlich die europäischen Eichhörnchen fast ausgerottet. Unsere europäischen Eichhörnchen werden im Winter „grau“ und zwar nicht, weil sie „alt“ sind, sondern, weil sie ganz viel wärmende Unterwolle produzieren und sich dadurch auch die Farbpigmentierung des Deckhaares verändert; der Fellwechsel ist einmal im Frühjahr von Winterfell auf Sommerfell und einmal im Spätjahr von Sommer- auf Winterfell. Tatsächlich unterschieden kann man die Hörnchen im Winter, weil die Grauhörnchen niemals diese schönen Ohrpüschel entwickeln.

Hörnchen mit Ohrpüschel
  1. Stimmt es, dass Eichhörnchen gar nicht, wie ich in der Schule gelernt habe, Nester aus Zweigen, sogenannte Kobel, bauen?

Nein, das stimmt nicht, Eichhörnchen bauen sich nach wie vor Kobel aus Zweigen, Laub, Moos, vorwiegend in Nadelbäumen in einer Höhe ab 3m. Sie übernehmen aber auch mal verlassene Spechtlöcher oder andere günstige Gelegenheiten. In Wohngebieten sind Bäume sehr rar, so dass sich die Eichhörnchen in Hausfassaden, Dachgiebeln etc. einnisten (müssen). Der Dachgiebel oder die Hausfassade bieten durch den Dämmschutz Wärme und Trockenheit, ideal für die Eichhörnchen

  1. Eichhörnchen sind ja letztlich auch kleine Raubtiere. Unsere Meisenfamilie ist empört ausgezogen, als das Eichhörnchen öfter im Garten unterwegs war. Kann man da zum friedlichen Miteinander beitragen? Können sich Eichhörnchen, wie vielerorts Waschbären, auch zur Plage entwickeln?

Eichhörnchen und Vögel leben normalerweise friedlich nebeneinander, denn beide sind Beutetiere, d.h. sie müssen auf mögliche Feinde vorbereitet sein. Häufig ist es so, dass die eine Art „warnt“ und die andere Art dann „mitgewarnt“ wird. Gibt es eine hohe Nahrungskonkurrenz, d.h. kämpfen beide Arten ums Überleben, räubern Eichhörnchen auch mal ein Vogelgehege. Das ist so und das möchten wir auch nicht verschweigen. Da dient ein Küken dann dem Eichhörnchen als Proteinquelle. Das ist halt Natur… Aber solange das Eichhörnchen genügend Nüsse, Samen, Baumfrüchte findet, wird es wohl Vogelnester in Ruhe lassen.

  1. Eichhörnchen gehören längst zum Stadtbild und sind teilweise recht zutraulich. Kann man sich darüber freuen oder bedeutet das, dass ihr eigentlicher Lebensraum nicht mehr für sie taugt?

Ja, das stimmt, Eichhörnchen drängen in die Städte und Wohngebiete: die Wälder kränkeln, Bäume werden gefällt, die Nahrungsgrundlage Zapfen, Samen etc. werden weniger. Gerade dieses Jahr gibt es kaum Bucheckern und die Wal- und Haselnussernte war auch nicht sehr ergiebig. Eichhörnchen sind Opportunisten, d.h. wenn sie an Futter rankommen können, auch wenn sie dadurch die Nähe zum Menschen in Kauf nehmen müssen, werden sie es tun. Sie bedienen sich dann am Vogelfutter mit Sonnenblumenkernen, Haferflocken, Meisenknödeln. Und im Notfall sucht das Hörnchen auch Schutz und Hilfe beim Menschen. Sie sind niedlich anzusehen, gehören aber eigentlich in den Wald.

  1. Ist es gut und richtig, Eichhörnchen zu füttern und ihnen vielleicht auch Höhlen anzubieten oder sollte man sie lieber nicht zu zutraulich werden lassen?

Füttern ist nach unserer Auffassung völlig in Ordnung – wenn das Nahrungsangebot groß genug ist, werden die Hörnchen eher selten zur Futterstation kommen, d.h. sie verlernen nie ihren angeborenen Nahrungstrieb. Es gibt lediglich eine Gewöhnung an die angebotenen Futterstationen. Wenn sie fern vom Menschen nichts mehr finden, holen sie sich gern, was ihnen angeboten wird. Hörnchen legen keine Fettdepots an, deshalb müssen sie auch in den Wintermonaten täglich fressen, und je schneller sie dann etwas finden, umso größer ist ihre Chance, gut über den Winter zu kommen. Das Aufsuchen der Futtervorräte, der mitunter ja auch unter Schnee verborgen ist, verbraucht viel Energiereserven, die ihnen zum überleben dann nicht mehr zur Verfügung stehen.

  1. Was kann man den Eichhörnchen denn als Futter anbieten? Unsere mögen übrigens die Futtermischungen, die man kaufen kann, gar nicht. Und Eicheln packen sie schon überhaupt nicht an…

Nein, Eicheln wie auch Erdnüsse sollten nicht verfüttert werden; Eicheln weil sie die nicht vertragen, Erdnüsse sind nicht einheimisch und auch „verarbeitet“, d.h. geröstet, die vertragen sie auch nicht besonders gut, außerdem können sie sie nicht als Vorrat verbuddeln, weil die weiche Schale in der Erde schimmelt.

Futtermischungen im Handel muss man sich ansehen, im Zweifelsfall die Erdnüsse rausnehmen, oder selbst mischen: Walnüsse (ungespritzt), Haselnüsse, Sonnenblumenkerne, Bucheckern, Pinienkerne, Zirbelnüsse, gern auch mal was frisches wie Apfel…

  1. Welche Gefahren lauern auf Eichhörnchen? Und was macht man oder sollte man lassen, wenn man ein aus dem Nest gefallenes oder verletztes Tier findet?

Eichhörnchen haben natürliche Fressfeinde (Marder, Habicht…), nicht mehr ganz fitte Hörnchen müssen auch Krähen, Katzen oder Hunde fürchten, dazu lauern Gefahren in unserer Zivilisation (Autoverkehr, Baumfällarbeiten, Häuserabrisse, Wasserfässer oder Vogelnetze in Gärten, Plastikmüll…)

Finden Sie ein aus dem Kobel gefallenes oder verletztes Tier, beobachten Sie bitte erst die Umgebung, ob die Mutter noch in der Nähe ist und das Kleine vielleicht holt, ansonsten sichern und wärmen des Tieres und schnellstens eine Rettungsstation anrufen, Nummern gibt’s im Internet (z.B. https://www.eichhörnchen-in-not.de/, https://www.eichhoernchen-notruf.com/),

Dort findet man auch Anleitungen, wie mit Notfällen umgegangen werden sollte, und man bekommt telefonisch Hinweise und Tipps. Wichtig: nicht wegsehen, keine Angst vor den Tieren haben, sie übertragen keine Tollwut und sie werden auch nach Menschenkontakt noch von der Mutter angenommen!

  1. Zuletzt noch eine etwas respektlose Frage: Im Frühjahr finden wir überall verbuddelte Nüsse. Sind die eigentlich zu blöd, die wiederzufinden?

Nein, die Frage ist nicht respektlos, denn das genau ist der biologische Auftrag der Eichhörnchen, sie sollen Bäume pflanzen. Sie verbuddeln ja nicht nur Hasel-, Wal- und Baumnüsse, sondern auch Zapfen-, Kiefern-, Lärchen-, Buchensamen usw., das ist ihr „Auftrag“ und sie gehören zu den Spezies, die u.a. dafür verantwortlich sind, dass aus abgeholzten Waldgebieten wieder Flächen mit Bäumen entstehen. Hörnchen verbuddeln im Jahr viele tausend Nüsse und Samen, einen Teil finden sie wieder anhand einer inneren Landkarte, einen Teil erschnuppern sie, manche werden auch nach dem Eingraben von anderen wieder ausgegraben und woanders platziert oder der Eichelhäher stibitzt sie und der Rest bleibt einfach ihr Beitrag zur Artenvielfalt in Wald und Flur.

Hier findet ihr mehr über die Arbeit von Steffie und Werner Schmitz und Aktion Eichhörnchen e.V.

Felix im Auswilderungsgehege

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