Übers Lesen – Gespräch mit Erwin Grosche (2. Teil)

Der Herbst naht und mit ihm so viele wunderbare neue Bücher, die im Liegestuhl beschienen von der letzten Sonne und umweht von fallenden Blättern oder dann eingekuschelt auf dem Sofa mit dampfendem Kakao an der Seite gelesen werden wollen. Höchste Zeit für den zweiten Teil unseres Gesprächs mit Erwin Grosche übers Lesen.

Wer den ersten Teil verpasst hat, findet ihn hier.

Erwin Grosche
Foto: Linsensüppchen 54
Hasenfenster

Welches ist dein Lieblingsbuch und warum?

Erwin Grosche

Im Heinz Nixdorf Forum, unserem Computermuseum, kann man die ersten Schreibversuche der Menschen entdecken. Man sieht dort Nachbildungen der Tontafeln, in denen man damals Zeichen mit Rohrgriffeln ritzte. Natürlich wurde die Schrift nicht erfunden, um seine Gefühle auszudrücken oder um nachfolgenden Generationen den Alltag in Mesopotamien zu beschreiben. Meistens handelt es sich bei den erhaltenen Tontafeln um Abrechnungen von Getreide- Brot- und Bierrationen. Man erfand also die Schrift aus einer praktischen Notwendigkeit heraus. Man war dabei eine Buchhaltung aufzubauen, um Steuern erheben zu können und Lagerbestände festzuhalten.  Die ersten Schriftkulturen entstanden vor 5000 Jahren nahezu gleichzeitig in Mesopotamien, Ägypten und China. Die steigenden Anforderungen, um ein Zusammenleben zu organisieren, begünstigten so die Entwicklung der Schrift. 2700 v. Chr. schließlich, wurde die Keilschrift in ihren Möglichkeiten zur Vollendung geführt. Erst dann konnte der erste Roman der Menschheit geschrieben werden, der in großen Teilen noch vorliegt: „Das Gilgamesch Epos.“ Ein erstaunlich unterhaltsamer und berührender Roman. „Das Epos schildert die Geschichte Gilgameschs, des Königs einer sumerischen Stadt, seine Heldentaten und Abenteuer, seine Freundschaft zu Enkidu, dessen Tod und Gilgameschs Suche nach der Unsterblichkeit.“ Rainer Maria Rilke nannte es später das „Epos der Todesfurcht“.

Ich hole nur so weit aus, man kann ja gar nicht weiter ausholen, um die Grundmotive meiner Lieblingsbücher einzugrenzen. Ich mag Bücher von Suchenden, die am Ende arm und erfolglos bleiben, aber die schönste Frau des Ortes mit nach Hause nehmen dürfen. Ich mag also diese Geschichten über Männerfreundschaften und Berichte, die von Menschen handeln, die anders sind und Liebe suchen und sie finden. „On the road“ von Jack Kerouac erfüllt alle diese Kriterien, „Siebenundsechzig Ansichten einer Frau“ von Günter Ohnemus (Maro Verlag) auch. Die Helden von John Updike schlawinern sich so durch das Leben und die Verliebten in Milan Kunderas Büchern denken auch zuviel über alles nach.  Es ist immer gut zu wissen, dass man nicht alleine ist. Wie soll man sonst die Schulzeit, die Zeit der andauernden Demütigungen, überstehen, wenn man nicht Trost und Hoffnung finden kann bei solch Mut machenden Vorbildern? Alles andere ist ja auch langweilig.

Es geht im Leben nicht darum der Beste, Größte und Schönste zu sein, sondern mit seinem Los nicht zu hadern, sein Schicksal anzunehmen und sich zu wehren durch Witz, Nächstenliebe und Güte. In der Gewissheit unserer Sterblichkeit bleibt uns nur die Demut, um das Leben zu überstehen. Donald Duck soll man nacheifern, Charly Brown lieben, Buster Keaton komisch finden und Jacques Tatis Filme mitsprechen können (was nicht so schwierig ist). Natürlich ist es auch gefährlich Trost in der Literatur zu suchen. Das Zugeben von Schwäche und Sehnsüchten ist auch ein ideales Fressen, um von der Literatur ausgenutzt zu werden. Will man Trost suchen in  den Armen eines neunmalklugen Schriftstellers, will ich tanzen zu der albernen Musik von Dieter Bohlen, gibt es noch die Bücher von Konsalik? Man muss schon aufpassen, wem man sein Herz schenkt, aber große Literatur ist gut zu erkennen. Sie ist wahr. Die Literatur schafft den Überblick über ein ganzes Leben und nur, wer zweifelt und Schwäche zeigt, ist als Sieger ernst zu nehmen.

Mein Lieblingsbuch, welches ich immer bei Umfragen angebe (siehe oben), ist natürlich „Der Gehülfe“ von Robert Walser. Die Geschichte einer Männerfreundschaft, die ich bestimmt schon drei-oder viermal gelesen habe, ist ein Trostbuch erster Güte. Sie hilft, wenn alles schief geht, alles zu kompliziert wird und der Nachbar wieder sein Auto vor meiner Einfahrt geparkt hat. Dieses Buch lässt mich mit Humor die Ausweglosigkeiten als notwendige Lebensereignisse annehmen. Robert Walsers Buch ist auch so erfüllend, weil es trotz aller Tragik auch sehr komisch ist. Der Schweizer Autor war selbst eine ungewöhnliche Persönlichkeit, der sich später freiwillig in eine Heilanstalt begab und bei einem Winterspaziergang starb. Es gibt sogar ein Foto von ihm, wie er im Schnee sein Ende fand. Ich weiß nicht, wer das fotografiert hat, aber es passt zu Robert Walser, dass selbst sein Ende etwas Unbeholfenes hatte. Ich wollte die letzten Jahre von Walser einmal verfilmen, mit Willi Hagemeier als Robert Walser. der nicht nur optisch dem Schriftsteller sehr nahe kam. Im Grunde wäre es ein Film mit wenigen Dialogen gewesen. Man hätte zwei Männer gesehen, die miteinander Wanderungen machten. Ich meine sogar mal gelesen zu haben, dass diese letzten Tage von Walser schon mal verfilmt worden sind, aber auch Robin Hood gibt es in unendlich vielen Fassungen. Leider machte uns der fehlende ostwestfälische Winter und das fehlende Geld einen Strich durch die Rechnung.

Man sollte, nachdem man das Buch „Der Gehülfe“ von Walser gelesen hat, sich auch unbedingt das Buch von Carl Seelig: „Wanderungen mit Robert Walser.“ besorgen. Sogar jetzt in diesem Augenblick, wo ich diesen Tipp aufschreibe, habe ich schon wieder Lust es in meinem Bücherregal aufzusuchen und es im Arm zu halten. Auf dem Buchdeckel kann man erfahren: „Carl Seeligs Aufzeichnungen seiner Wanderungen mit Robert Walser haben in der Literatur nicht ihresgleichen. Sie entwerfen das Porträt eines Verstummten, eines Dichters, der, wie Hölderlin, „taktvoll“ genug war, dem Leben zu entsagen.“ Nach seinem 50. Geburtstag hörte Walser mit Schreiben auf und gab sich mit dem Leben eines Irrenhauspatienten zufrieden. Carl Seelig, der ihm und seinem zu scheinbarer Dauer-Erfolglosigkeit verurteilten Werk helfen wollte, besuchte Walser in der Anstalt, zwanzig Jahre war ihnen „beschieden, spazieren zu gehen. Abschließend sollte man noch die Novelle„Der Spaziergang“ von Robert Walser auswendig lernen. Mehr braucht man nicht im Leben. Alles andere ist dann nur noch die Zugabe. 

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Bist du manchmal neidisch, wenn du etwas von anderen liest, das du selbst gerne geschrieben hättest?

Erwin Grosche

Es gibt Autoren, die mir sehr nahe sind. Nicht, dass ich sie kennen würde, aber manchmal gibt es Menschen, die die Dinge so bewältigen, wie ich es gerne machen würde. Sie entdecken die gleichen Wunderlichkeiten und benutzen dafür ähnliche Erklärungen. Thomas Kapielski ist einer der Autoren, die in ihrem Schaffen mich manchmal selbst an mich erinnern. Ich habe sogar mal eine kleine Überlegung hingekritzelt, die er thematisch auch bearbeitet hat. Es geht um die Hals- Nasen-Ohrenärzte. Ich schreibe nun immer bei meinem Text dabei, dass es nach einer Idee von Thomas Kapielski entstanden ist. Ich bin mir allerdings gar nicht sicher, ob es so ist. Es kann auch sein, dass ich von selbst auf die Idee gekommen bin, weil ich mit offenen Augen durch die Welt gehe und gerade Hals- Nasen-Ohrenärzte schon immer meine ganze Aufmerksamkeit lockten. So wie ich mich aber dieses Thema angenommen habe, ist es die Wahrheit. Alles war in mir und wollte so und nicht anders raus.  Die Entdeckung eines Wunders ist das eine und die Veränderung durch das Wunder das andere.

Kürzlich habe ich sogar mal einen Text so aufgeschrieben, dass ich genau auf eine Endpointe kam, wie ich sie auch schon bei Tina Teubner gehört habe. Das war sehr ärgerlich, weil der ganze Text, an dem ich einige Tage gearbeitet habe, nur funktionierte, wenn man am Schluss diese Teubner-Pointe setzt. Ich habe dann sogar schriftlich aufgeführt, dass man nach meiner Einleitung und den folgenden Ausführungen nur auf dieses Ende kommen konnte. Nach all der Knutscherei landet man halt im Bett. Das ist der Ablaufplan. Ich wollte Tina Teubner, wir sind befreundet, danach sogar fragen, ob sie was dagegen hat, wenn ich diesen Text aufführe, aber immer dabei erwähne, dass sie vor mir diese Pointe gefunden hat. Leider hatte schließlich der Text durch diese Überlegungen seine Unschuld eingebüßt. Er wurde zu abgeboben und verlor dadurch seine Leichtigkeit. Keine Geschichte ist so selbstbewusst,  dass nicht ein Zweifel sie überflüssig machen konnte.

In diesem Reigen der Angst-einflößenden-Kollegen gehört natürlich auch Fritz Eckenga. Er haut manchmal einen Vierzeiler über ein Thema raus, dass eine andere Bearbeitung des Themas von nun überflüssig macht. Fritz schafft mit links oft große Klassiker. Da braucht man selbst nicht mehr zu dichten. Fritz Eckenga hat es schon vorher einzigartig verwurstet. Natürlich hasse ich auch die Frankfurter Schule.

In welcher Schnelligkeit und mit welcher Bravour sie alle Themen dieser Welt abgereimt haben, ist schon bedrohlich. Überragende Ideen, ausgefallene Reime und abgedrehte Geschichten. Sie haben alles abgegrast und eigentlich nichts ausgelassen, was man auch mal gerne geschrieben hätte. Das macht man eigentlich nicht. Man lässt den anderen noch was über. Zu gut zu sein ist unangenehm, ja langweilig. Die Dichter der Frankfurter Schule waren klug, komisch, unverschämt und gnadenlos. Sie waren Sammler. Der Erfolg hätte sie nachdenklich machen müssen. Deutschland erholt sich gerade erst jetzt ein wenig von Ihren tausend Mammutwerken und kommt wieder dahin sich eigenen Betrachtungen von neuen Geschehnissen zu widmen. Gekauft habe ich mir schon die Bücher der Frankfurter Schule, aber reingeschaut habe nicht. Zum Glück war Ihr Anti-Struwwelpeter nicht so gelungen.    

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Das schönste Kompliment, das du als Autor bekommen hast?

Erwin Grosche

Ich habe einen Fan, der mich seit dreißig Jahren nicht witzig findet. Immer dann, wenn man im Internet zu meinen Aufführungen sich melden kann, erscheint Miriam auf der Bildfläche, so heißt sie, und klagt, dass sie mich schon seit dreißig Jahren nicht witzig findet. Das berührt mich sehr. Natürlich möchte man diese Wichtigkeit im Leben eines Menschen nicht haben, gerade wenn man ihn anscheinend belastet, aber wer hält einem schon dreißig Jahre die Treue? Ich würde am liebsten manchmal einfach aufstehen und sagen, Miriam dass ist doch nicht so schlimm. Du brauchst mich nicht witzig zu finden, es soll ja auch oft gar nicht witzig sein. Ich sage immer, man muss auch nicht alles verstehen. Ich verstehe auch vieles nicht. Ich verstehe Faust 2 nicht, schmeiße sofort alle Gebrauchsanweisungen weg, bin oft bei modernen Gedichten ratlos und finde Wim Wenders langweilig, obwohl er so gut ist. Natürlich stelle ich mir nun vor, dass all mein zukünftiges Arbeiten, mein Denken und Entwickeln nur noch dazu dienen soll, um Miriam einmal zum Lachen zu bringen. Vielleicht wird sie irgendwann, am Ende meines Lebens, wenigstens dieses Bemühen anerkennen und mir dann, wenn ich mit einer Clownsnase um sie herum tanze, eine Torte ins Gesicht schmeißen und sagen: „Das hätte ich lustig gefunden.“ 

Nicola Bardola, ein Kinderbuchkritiker, schrieb mal über mich: „Erwin Grosche, der Herr Reimerich Kinderlieb des 21. Jahrhunderts, ist vielfach preisgekrönter Kabarettist und festigt mit jeder Hörbuchproduktion seinen Ruf als wortwitzigster Sprachartist für Kinder.“ So etwas tut schon gut, gerade wenn man weiß, dass Reimerich Kinderlieb das Pseudonym ist, unter dem Heinrich Hoffmann auch Bücher veröffentlicht hatte. Kürzlich schickte mir Henning Venske, dieser wundervolle Mensch, den ich schon mein Leben lang schätze, eine Mail, weil ich ihm mein Buch „Grosches Weltlexikon“ zukommen ließ: „Lieber Erwin, ich kann mich nicht erinnern, in den letzten 80 Jahren ein schöneres + klügeres + geschmackvolleres + liebenswerteres Buch in meinem Briefkasten gefunden zu haben. Ich habe sofort angefangen, zu schauen und zu lesen und mich zu begeistern. Mein erster Eindruck war die Trockenjacke. Überzeugender kann ein erster Eindruck nicht sein. Und was für einen wunderbaren Illustrator Du an Deiner Seite hast, zu diesem kongenialen Partner kann man Dir nur gratulieren. Also, lieber Erwin – Dein Freund Henning macht einen tiefen Diener und sagt mit allergrößtem Respekt „Danke!“ Du hast ihm eine große Freude gemacht.““ Diese Mail würde ich gerne mal Miriam zeigen, aber sie würde mir trotzdem nur die kalte Schulter zeigen und nicht lachen. Recht geschieht mir.

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