Dr. Eva Brockmann, Leiterin der Caritas-Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche in Paderborn

Foto: Caritas Beratungsstelle Paderborn

Eines meiner liebsten Zitate von Oscar Wilde geht so: „Anfangs lieben Kinder ihre Eltern. Wenn sieälter werden, beurteilen sie sie. Manchmal verzeihen sie ihnen.“

Wenn man ehrlich ist, denken die meisten Eltern in Erziehungsfragen ganz schön viel in den Kategorien „Richtig“ und „Falsch“. Warum ist das so? Und macht man damit nicht den eigentlichen Fehler? Und wenn man sich doch so viel Mühe gibt, warum gelangt man dann trotzdem zuweilen an seine Grenzen? Und was dann?

Zum Glück gibt es auch in Paderborn Einrichtungen wie die Caritasberatungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche, wo kompetenter Rat und Hilfe unkompliziert und für jeden erreichbar sind. Wir haben mit der Leiterin Dr. Eva Brockmann gesprochen über die Arbeit der Beratungsstelle, die Sorgen und Nöte von Eltern und ihren Kindern und darüber, was Corona eigentlich mit Familien macht.

Hilfe für Kinder in belastenden Situationen

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Ich bin immer neugierig darauf, was Menschen zu Ihrem Beruf gebracht hat. Sie sind Diplom-Sozialpädagogin und Diplom-Sozialarbeiterin. Was bedeutet das? Und wo ist der Unterschied zwischen beidem?

Dr. Eva Brockmann

Das ist ein Doppelabschluss, der eigentlich alte Begriffe beinhaltet. Man hat damals noch unterschieden zwischen der Sozial-Pädagogik, die eher erzieherisch tätig sein sollte, und der Sozialarbeit, bei der es mehr um konkrete soziale Hilfe gehen sollte. Inzwischen ist auch dieser Studienzweig reformiert worden, heißt „Soziale Arbeit“ und bietet Bachelor- oder Masterabschluss.

Ich bin ganz klassisch nach dem Abitur zu meinem Studium gekommen und war eine Zeit lang in der  Wissenschaft tätig. Dabei habe ich mich in der Psychiatrie- und Gesundheitsforschung mit Kindern in belastenden Situationen beschäftigt und habe dazu in Dresden im Bereich Psychologie der Erziehungswissenschaft promoviert.

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Können Sie ein paar Beispiele für solche belastenden Situationen benennen?

Dr. Eva Brockmann

Für Kinder sind das zum Beispiel physische oder psychische Probleme der Eltern oder der Kinder, die Trennung der Eltern, Überlastungen des Familiensystems oder auch permanente Streitthemen in der Familie. Für mich war da eine der interessantesten Fragestellungen, wie Kinder trotzdem gesund aufwachsen können.

Grundvoraussetzungen für eine gesunde Entwicklung

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Das finde ich auch außerhalb von diesen Ausnahmesituationen eine sehr spannende Frage. Wenn ich Sie nach den drei wichtigsten Grundvoraussetzungen frage, die Kinder für eine gesunde Entwicklung brauchen, welche wären das?

Dr. Eva Brockmann

Wenn ich mich auf drei festlegen soll, würde ich Sicherheit, Verlässlichkeit und eine stabile erwachsene Bezugsperson nennen. Sicherheit bedeutet, dass auch in an sich unsicherer Familiensituation das Kind Kind sein darf. Egal, was gerade mit den Eltern los ist, braucht das Kind das Gefühl, dass die Erwachsenen, idealerweise die Eltern, sich darum kümmern. Wenn das Kind sich Sorgen macht, gibt es jemanden, der diese ernst nimmt und zuhört.

Verlässlichkeit hängt damit natürlich eng zusammen, denn auch im Chaos braucht das Kind einen Ruhepol und verlässliche Alltagsstrukturen. Und die sollten nicht nur gerade mal da sein, sondern auch über eine längere Zeit bleiben. Wobei wir schon bei der stabilen Bezugsperson sind. Egal wie,  auch bei Trennungen, brauchen Kinder eine Person, die für sie Ansprechpartner*in bleibt. Das muss jemand sein, der selbst emotional stabil und in sich gefestigt ist. Auch das kann natürlich ein Elternteil sein, aber vielleicht sind Mutter oder Vater aus welchen Gründen auch immer dazu nicht in der Lage. Dann mag diese Position auch einer Lehrer*in, einer Erzieher*in oder sonst jemanden aus dem Umfeld zufallen. Aber auch Beratungspersonen, wie sie bei uns arbeiten, können diese Aufgabe übernehmen. Der Schlüssel zu dieser Beziehung ist Vertrauen. Im Umgang miteinander gibt es einen geschützten Raum, in dem Kinder auch mal jammern dürfen oder sich beschweren. Es ist vollkommen in Ordnung, wenn ein Kind äußert, dass es genervt ist, wenn zum Beispiel ein Elternteil zu depressiv ist, um sich ihm zu widmen.

Ansprechbar auch bei kleineren Krisen

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Sie sprechen dabei die Beratungsarbeit für besonders schwierige Situationen an, aber ich weiß, dass Sie nicht nur in solchen Situationen Ansprechpartner*innen sind. Egal, ob große Probleme oder kleinere Krisen frage ich mich, wie die Menschen zu Ihnen kommen? Wie erreichen Sie die Familien?

Dr. Eva Brockmann

Damit sprechen Sie einen markanten Aspekt an, denn wir müssen immer bestrebt sein, auf uns aufmerksam zu machen und den Familien bewusst zu machen, dass es die Beratungsstelle gibt. Das tun wir mit ganz klassischer Werbung in Form von Anzeigen, Artikeln, Flyern oder Plakaten, aber auch, indem wir dorthin gehen, wo die Familien sind. Deshalb nehmen wir an vielen öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen teil. Wir nutzen zum Beispiel den jährlichen Weltkindertag für unsere Öffentlichkeitsarbeit. Wir bieten aber auch in Familienzentren offene Sprechstunden an, so dass man nicht extra zu uns kommen oder einen Termin machen muss, um uns anzusprechen.

Der Weg zur Beratungsstelle

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An wen richtet sich Ihr Angebot? Und auf wen trifft man in der Beratungsstelle?

Dr. Eva Brockmann

Zu uns können alle Eltern von Kindern bis zum Alter von 21 Jahren und auch die Kinder ohne Wissen der Eltern kommen, egal, welche Krise oder Frage sie bewegt. Religion, sexuelle Orientierung oder Migrationshintergrund spielen dabei keine Rolle. Auch gesellschaftliche Stellung oder die finanzielle Situation machen keinen Unterschied. Wer möchte, kann sogar anonym bleiben. Und die Gespräche unterliegen außerhalb des Teams der Schweigepflicht. Nur in Abstimmung mit den Familien ziehen wir beispielsweise das Jugendamt oder andere Stellen beratend hinzu. Die einzigen Ausnahme dazu bilden natürlich Kindeswohlgefährdungen oder Straftaten, aber letzteres kommt bei uns zum Glück so gut wie nie vor.

Unser Team besteht in drei Zweigstellen aus 24 Mitarbeiter*innen. Dabei unterstützen uns vier Verwaltungskräfte ganz entscheidend, weil sie der erste Kontakt sind, wenn man einen Termin macht. Die Berater*innen kommen aus verschiedenen Bereichen, sind Psycholog*innen,  Sozialpädagog*innen oder ähnliches. Außerdem haben sie viele Zusatzqualifikationen durch Fort- und Weiterbildung, so dass wir ein breites Spektrum an Ansätzen abdecken können.

Wer zu uns kommen möchte, kann das eben über eine der offenen Sprechstunden, die es auch in den Beratungsstellen gibt, oder lässt sich einen Termin geben.

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Auf den man dann wie lange wartet?

Dr. Eva Brockmann

Wer hier anruft, braucht jetzt Hilfe und nicht erst in einigen Monaten. Wir konnten unser System so anpassen, dass wir ein Erstgespräch in der Regel in den ersten vier Wochen anbieten können. Wenn es mehr eilt, schaffen wir das im Rahmen der offenen Sprechstunde.

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Sie haben schon einige Extremsituationen für Familien erwähnt, in denen sie begleiten können. Aber man darf sich auch mit scheinbaren Kleinigkeiten an die Beratungsstelle wenden, wie ich weiß.

Dr. Eva Brockmann

Für uns ist es ganz wichtig, dass niemand weggeschickt wird und wir den Familien das Gefühl geben, dass wir für sie da sind. Wenn sich jemand bei uns meldet, wäre es doch entmutigend und damit das ganze falsche Zeichen, würden wir erklären, wir seien nicht zuständig. Wir sind zunächst für alle zuständig und wenn dann erkennbar wird, dass die Familie in einer Fachberatung besser aufgehoben wäre oder es anderen Abklärungsbedarf, z.B. beim Kinderarzt, gibt, besprechen wir das gemeinsam und finden einen Weg.

Mut sich Hilfe in Erziehungsfragen zu holen

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Dabei haben Sie gerade schon ganz nebenbei etwas angesprochen, was ich für sehr entscheidend halte: Mut. Den braucht es anscheinend wirklich, um sich in Erziehungsfragen Hilfe zu holen. Meiner Beobachtung nach gilt das in Sachen „Projekt Kind“ für viele als Scheitern.

Dr. Eva Brockmann

Das ist aus unserer Sicht natürlich eine vollkommen falsche Einschätzung! Ich möchte allen Eltern den dringenden Rat geben, sich nicht erst Hilfe zu suchen, wenn man schon Hochrisikofamilie ist. Natürlich endet nicht jede Krise so, aber oft steckt man einfach viel zu tief in einer Situation, um sie noch klar beurteilen zu können. Man erkennt die Möglichkeiten einfach nicht mehr. Da hilft schon ein einfacher Impuls von außen, den wir geben können. Beratung heißt für uns, dass wir das Blickfeld erweitern.

Hier wird niemand und keine Frage als nichtig abgetan. Manchmal ergeben sich Konflikte ums Insbettgehen, ums Essen, man macht sich Sorgen, dass das Kind keine Freundschaften schließt, es gibt Schulprobleme oder was auch immer – in der Beratung arbeiten wir gemeinsam an einem Weg, diese Probleme zu bewältigen. Ich vergleiche die Familie gerne mit einem Mobile, das in Balance bleibt, wenn jede und jeder seinen Platz hat und sich in einem ausgeglichenen Zustand befindet. Sobald ein Mitglied ins Ungleichgewicht gerät, kommt auch die ganze Familie ins Wanken oder zumindest in Unruhe.

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Und es kann auch einfach schon helfen, wenn man mit seinem Problem ernst genommen wird und die Bestätigung bekommt, dass das so sein darf…

Dr. Eva Brockmann

Eine Kollegin sagt immer: „Probleme sind wie eine Tür, durch die man durch muss“. Auch Eltern dürfen nicht weiterwissen oder genervt sein oder schlicht müde. Wir helfen dann, dem Kind wieder mit schönen Dingen zu begegnen und das Familienleben wieder positiver zu machen.

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Trotzdem bleibt es für viele wahrscheinlich und traurigerweise eine Hemmschwelle sich an eine Beratungsstelle zu wenden. Wäre es nicht wünschenswert, dass es ganz normal wäre, sich mal beraten zu lassen, einfach um den Schritt leichter zu machen? Man geht ja auch regelmäßig zum Kinderarzt.

Spielzimmer statt Psycho-Couch

Dr. Eva Brockmann

Wir kämpfen leider immer wieder gegen völlig falsche Vorstellungen. Wir hatten zu unserem Jubiläum vor ein paar Jahren einen Tag der offenen Tür, und es gab Menschen, die überrascht waren, in meinem Büro keine rote Couch zu sehen. Natürlich gibt es da keine Couch! Stattdessen haben wir zum Beispiel ein großes Spielzimmer.

Lassen Sie mich ein Beispiel nennen: Ich hatte einen Termin mit einem 8jährigen Mädchen, das sich schon im Wartezimmer fest an die Mutter klammerte und ganz offensichtlich sehr aufgeregt war. Es stellte sich heraus, dass es etwas Beängstigendes erwartet hatte. Als es dann hörte, dass wir auch einfach mal Uno spielen, wenn sie das gerne mag, taute sie sichtlich erleichtert auf. Wir gehen auf das ein, was von den Kindern kommt, und oft bestehen unsere Termine aus Spielen und Reden. Die Beratung ist immer freiwillig und man darf sie jederzeit abbrechen.

Das Kind funktioniert nicht…

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Ich könnte mir vorstellen, dass Eltern zuweilen die Kinder zu Ihnen bringen mit der Erwartung, dass Sie diese mal eben „heile machen“, damit sie dann „besser funktionieren“.

Dr. Eva Brockmann

Meine Kollegin weist an dieser Stelle gerne darauf hin, dass auch wir keinen Voodoozauber haben. Das Kind ist der Symptomträger und zeigt mit seinem Verhalten etwas Wichtiges, nämlich, dass es etwas gibt, womit es nicht umgehen kann. Und wir finden dann heraus, was es eigentlich da zeigt und warum. Oder wir stellen auch die Frage, was passieren würden, wenn es dieses Verhalten nicht mehr zeigen würde? Ist das alles vielleicht einfach die Rolle, die ihm in der Familie zugewiesen wird?

Hasenfenster

Oh, das klingt aber böse nach schlechten Eltern…

Dr. Eva Brockmann

Nein! Das heißt nicht, dass etwas falsch ist oder etwas falsch gemacht wurde, sondern nur, dass etwas ins Ungleichgewicht geraten ist.

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Kommen Sie in Situationen, wo Sie den Eltern auch mal eine unangenehme Rückmeldung geben müssen?

Dr. Eva Brockmann

Wenn es in den Bereich der Kindswohlgefährdung geht, geben wir dazu natürlich auch eine klare Rückmeldung. Dabei geht es nicht unbedingt und bei uns auch seltener um körperliche Gewalt. In Trennungen kommt es allerdings beispielsweise vor, dass Eltern die Kinder mit ihren eigenen Problemen konfrontieren und von ihnen Lösungen erwarten. Das kann für die Kinder zu einer großen Belastung werden.

Wir trennen aber die Tat und die Person. Selbst wenn Eltern dem Kind gegenüber ein Verhalten zeigen, dass ihm schadet, gründet das meistens in einer Suche nach Hilfe. Unsere Arbeit fußt auf der Grundhaltung, dass alle Eltern gute Eltern sein wollen und das auch versuchen. Manchmal allerdings mit den falschen Strategien.

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Werden Familien auch zu Ihnen geschickt, zum Beispiel von Richter*innen?

Dr. Eva Brockmann

Ja, manchmal sehen Familiengerichte so große Schwierigkeiten in der elterlichen Kommunikation, dass sie an uns verweisen. Auch getrennte Paare bleiben als Eltern verbunden und müssen noch gemeinsame Entscheidungen für ihr Kind oder ihre Kinder treffen, zum Beispiel zur Schulwahl oder ähnlich Praktisches. Oder es ergeben sich Konflikte mit dem Kind, zu deren Lösung beide beitragen müssen. Dabei haben wir ein Konzept zur Konfliktvermittlung, nach dem wir arbeiten. Darin steht jedem Elternteil ein Berater bzw. eine Beraterin zur Seite und bei den gemeinsamen Gesprächen sitzt man dann zu viert am Tisch, wobei es unsere Aufgabe ist, die Atmosphäre konstruktiv zu gestalten und zu halten.

Alle Eltern wollen gute Eltern sein

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Wenn ich das alles so höre und wie ich Ihre Arbeit kenne, müssen Sie ein unglaublich positives Menschenbild haben. Ich würde bestimmt an Ihrer Stelle sehr oft denken, was machen die da oder wie sind die denn drauf?

Dr. Eva Brockmann

Wir gehen wirklich von einem positiven Menschenbild aus und das hilft uns in unserer Arbeit. Dabei treibt uns vor allem die Überzeugung an, dass jedes Kind eine Chance verdient hat. In der Beratung werten wir nicht, sondern stellen die Fragen, wie es dazu gekommen ist, was anders werden soll und wie diese Veränderungen erreicht werden könnten. Trotzdem kommen natürlich Gespräche vor, die man nicht leicht wegsteckt. Im Rahmen der kollegialen Fallberatung können wir uns dazu aber auch austauschen, so dass das, was wir „Psychohygiene“ nennen, gegeben bleibt.

Sätze, die Eltern sagen sollten

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Ich komme immer wieder zu den Fehlern zurück, aber was sind die Sätze, die man als Eltern vermeiden sollte?

Dr. Eva Brockmann

Ich drehe das lieber um zu den schönen Sätzen. Man sollte alles vermeiden, mit dem man Kinder klein macht, erniedrigt oder ihnen Kompetenzen abspricht. Stattdessen brauchen Kinder Bestätigung: „das lernst du,“ „das schaffst du,“ „ich helfe dir dabei“ und natürlich am wichtigsten: „ich liebe dich“. Man bemüht gerne das Bild von den Eltern als sicherem Hafen, von dem aus die Kinder erkunden können. Wenn man ein Grundvertrauen schafft, kann auch ein Jugendlicher oder eine Jugendliche, der/die einen Fehler gemacht hat, damit zu seinen Eltern kommen. Wenn man ehrlich ist, trägt dieses Bedürfnis bis ins Erwachsenenalter.

Eltern als Leitplanken auf dem Lebensweg

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Absolut. Aber dann gibt es auch die Eltern, die ihr Kind immer loben. Sie schlugen eben „Du lernst das“ vor, aber oft heißt es „du kannst alles“. Ist das nicht genauso schlimm?

Dr. Eva Brockmann

Genauso würde ich es jetzt nicht sagen, aber solche Äußerungen signalisieren oft eine Erwartungshaltung und in der Folge großen Leistungsdruck. Vielleicht möchte das Kind nicht wie Mama oder Papa ein Instrument spielen, und das auch noch besonders gut. Diesen Eltern würde ich raten, die eigene Erwartungshaltung zu überdenken. Auch hier möchte ich ein Bild geben: Eltern sind die Leitplanken als Orientierung und Halt für ihre Kinder, aber auf der Straße müssen sie sich frei bewegen können und zwar so, dass diese Leitplanken nicht zum Hindernis werden oder den Weg unnötig einengen. Kinder sind bedingungslos loyal zu ihren Eltern und wollen sie nicht enttäuschen.

Familien in der Pandemie

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Wir müssen bitte noch auf das leidige Thema Corona kommen. Die Meldungen, dass so viele Kinder psychische Schäden davontragen, erschrecken sehr. Merken Sie das in Ihrer Arbeit? Wie hat die sich verändert?

Dr. Eva Brockmann

Auch wir haben die Präsenztermine natürlich soweit es geht, heruntergefahren. In Notfällen sind sie aber noch möglich, bei Kindswohlgefährdungen oder drohendem Suizid etwa.

Der Umstellung auf Video- und telefonische Beratung standen wir erst sehr skeptisch gegenüber, aber es klappt gut und ist für viele Familien in dieser Situation auch einfacher, weil man nicht auch noch diesen Weg organisieren muss. Gleichwohl wollen wir zu gegebener Zeit selbstverständlich zu persönlichen Terminen zurückkehren. Aber jetzt ist auf jeden Fall diese Beratung besser als gar keine.

Ehrlich gesagt, erwarten wir einen Anstieg der Beratungen auch noch nach Ende der Pandemie, denn jetzt ist in den Familien so viel los, dass man sich gar keine Hilfe sucht. Da wird einiges aufzuarbeiten sein.

Hasenfenster

Was ist aus Ihrer Sicht die große Problematik dieser Pandemie für Familien?

Kinder unter Druck, Eltern verunsichert

Dr. Eva Brockmann

Auf Seiten der Kinder sehen wir großen Stress. Zum einen weil die Freund*innen fehlen, zum anderen weil sich Schul- und Leistungsängste bilden. Bei den Eltern herrscht große Verunsicherung, ob sie auf die Situation richtig reagieren. Zwischen Homeschooling und Homeoffice sammeln sich so viele Organisationsaufgaben, dass die Familien wirklich viel zu bewältigen haben.

Auch im Lockdown zählt Qualitätszeit mit der Familie

Hasenfenster

Was raten Sie den Eltern ganz allgemein?

Dr. Eva Brockmann

Wie so oft, geht es jetzt besonders um Qualitätszeit. Bei allem anderen, was zu tun ist, muss man offen für die Bedürfnisse der Kinder bleiben und es muss Zeiten geben, wo man ganz bei der Familie ist. Ohne Handy, ohne Fernsehen, ohne Ablenkung.

Jetzt gilt ganz besonders, dass man den Kindern Sicherheit vermittelt. Man kann ihnen die Lage erklären und die Dinge auch beim Namen nennen, schon damit sie ihre Fragen stellen können. Aber dabei muss man kindgerecht bleiben und eine Perspektive bieten, die sich am Alltag des Kindes orientiert. Dabei geht es um die Schutzmaßnahmen, die eben auch zeigen, dass die Erwachsenen sich Gedanken machen und die Sache angehen. Kinder brauchen Erklärungen für das, was passiert.

Hasenfenster

Das meine ich wirklich von Herzen: Ich bin froh, dass es Beratungsstellen wie Ihre gibt, denn ich bin überzeugt, dass Sie eine sehr wichtige Arbeit machen, nicht nur, aber gerade in dieser Zeit.

Vielen Dank dafür und für das spannende Gespräch.

Hier geht es zur Caritas Beratungstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche

Zum Imagefilm der Beratungsstelle geht es hier.

Weitere Beratungsangebote findet ihr auch in unseren Adressen unter diesem Stichwort.

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