Kathrin Heger und Carmen Rosendahl, Kindertagespflege Zwergeninsel

Wir sitzen an einem verregneten Sommerspätnachmittag in einem großzügigen ehemaligen Ladenlokal mitten im Paderborner Stadtteil Wewer, wo es so einladend und gemütlich ist, dass uns das Wetter ganz wurscht sein kann. Als ich auf den Türknopf gedrückt habe, erklangen drinnen Kinderstimmen, aber das war nur die „Klingel“. Ansonsten ist es jetzt ganz ruhig in der „Zwergeninsel“, der ersten und bisher einzigen Großtagespflege im Paderborner Stadtgebiet, die am 1. August 2014 ihre Türen für bis zu neun Kinder zwischen null und drei Jahren geöffnet hat, denn alle Kinder sind inzwischen wieder zu Hause. Die beiden Tagesmütter, die sie gegründet haben und hier arbeiten, Kathrin Heger und Carmen Rosendahl, sehen allerdings nach ihrem Arbeitstag noch ganz entspannt aus. Nach einem Jahr können sie eine persönliche Bilanz ziehen, und ich darf ihre spannenden Geschichten und interessanten Erfahrungsberichte hören und meine Fragen loswerden.

Hasenfenster

Tagesmütter kenne ich, aber die haben meistens aus ihrem Wohnzimmer eine Spielhöhle gemacht und bevölkern ihr Schlafzimmer mit Reisebetten für ihre Tageskinder. Manche haben vielleicht das Glück, Extraräume in ihrem Zuhause nutzen zu können, aber bei Ihnen beiden ist das ganz anders. Warum arbeiten Sie nicht zu Hause?

HEGER

Das habe ich einige Jahre lang gemacht. Als mein zweites Kind geboren wurde, wollte ich länger in Elternzeit zu Hause bleiben, und da fragte mich eine befreundete Mutter, ob ich ihr Kind mitbetreuen würde. Die Idee fand ich auch super, und so wurde ich ganz offiziell Tagesmutter. Das war für mich sehr praktisch, so lange meine Kinder klein waren, und ich sie zu Hause bei mir hatte. Als sie dann aber größer wurden und in die Kita wechselten, gab es zum einen diesen Extra-Vorteil nicht mehr und ich wollte gerne eine räumliche Trennung zwischen meinem Familienleben und meiner Arbeit. Die Spielsachen stehen eben tatsächlich überall, und man muss natürlich alles kindersicher machen. Jetzt kann ich rausgehen zur Arbeit, das gibt mir ein ganz anderes Gefühl, und ich muss sagen – so blöd wie das auch ist – dass ich jetzt mehr Ansehen für das bekomme, was ich mache. Früher habe ich ja „nur“ Kinder gehütet, scheinen die Leute zu glauben.

Hasenfenster

Und wie ging es von der Idee, eine „aushäusige“ Tagespflege zu eröffnen weiter zur Umsetzung? Wie sind Sie zwei zusammen gekommen?

HEGER

Erst habe ich die Idee gar nicht richtig verfolgt. Als ich damit zum ersten Mal beim Jugendamt war, haben die mir auch sehr abgeraten. Damals waren die Sätze, die Tagesmütter pro Kind bekamen, noch niedriger und die Kosten hier sind natürlich höher, als ich die zu Hause hatte. Daher hätte es sich tatsächlich nicht gelohnt. Ich mache diesen Job zwar wirklich richtig gerne, aber quasi ehrenamtlich oder als Zuschussgeschäft möchte ich das dann auch nicht machen.

ROSENDAHL

Mein Sohn war Tageskind bei Kathrin. Irgendwann haben wir uns über ihre Idee und Vorstellungen unterhalten. Sie erzählte mir, dass gerade die Sätze für die Tagesmütter erhöht würden, sie das Ganze aber nicht allein angehen wollte.

HEGER

Aber die passende Kollegin zu finden, ist natürlich nicht leicht. Schließlich arbeiten wir hier sehr eng miteinander, und das muss schon passen.

ROSENDAHL

Wir kannten uns bereits eine Weile und wussten, dass wir uns sicher gut verstehen würden. Passenderweise hatte ich mein Studium mit der Diplomarbeit zum Thema Kita-Gründungen für U3-Kinder beendet.

Hasenfenster

Moment, Sie haben genau über das Thema geforscht und geschrieben?

ROSENDAHL

Ein bisschen anders schon. Es ging um Kita-Gründungen im betrieblichen Umfeld, um Betreuungsangebote, die Firmen nicht selbst einrichten, sondern sich quasi mit einkaufen, um für ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen Plätze zu sichern. Das macht neue Betreuungsangebote möglich und ist natürlich für die Firmen ein wichtiger Faktor, um bei der Suche nach Fachkräften als attraktiver Arbeitgeber dazustehen. Ich habe dazu damals viele Paderborner Firmen befragt, aber zu der Zeit gab es da noch nicht das große Interesse. Inzwischen tut sich da allerdings einiges.

Hasenfenster

Aber so brachten Sie auch einiges Vorwissen mit, das Ihnen sicher nützlich war – verstehe. Wie geht man denn rein praktisch vor? Man geht zum Jugendamt, sagt „Guten Tag, wir möchten eine Großtagespflege eröffnen, und dann freuen die sich ganz dolle, geben einem das passende Formular und wünschen einem noch einen guten Tag?

ROSENDAHL

Ganz so einfach war es leider nicht. Man stand unseren Plänen eher skeptisch gegenüber. Immer wieder wurden wir darauf hingewiesen, dass es eben Mehrkosten, aber nicht Mehreinnahmen bedeutete und dass der Bedarf nicht vorhanden sei.

Hasenfenster

Werden Sie denn, was die Kapazitäten und die Bezahlung angeht, von Jugendamtsseite aus mit den „normalen“ Tagesmüttern gleichgestellt?

ROSENDAHL

Nein, das nicht. Einzelne Tagesmütter zu Hause dürfen bei entsprechender Qualifikation mehr als 5 Kinder aufnehmen, aber gleichzeitig anwesend sein dürfen nur maximal 5. Bei uns ist es etwas anders: Durch unseren Zusammenschluss dürfen wir dauerhaft und auch gleichzeitig neun Kinder betreuen. Das ist aber dann für uns die Höchstgrenze. Die Eltern unserer Tageskinder zahlen nach der allgemein für die Stadt Paderborn festgelegten Tabelle gehaltsabhängig einen Beitrag an die Stadt und von der bekommen wir einen stundenabhängigen Satz pro Kind.

Hasenfenster

Könnten Sie denn ihre Kinderzahl erhöhen, indem Sie noch eine Tagesmutter dazu nehmen?

ROSENDAHL

Nein, bei neun Kindern ist Schluss. Ansonsten wäre man keine Großtagespflege mehr, sondern müsste eine Kita gründen, und da gelten nochmal andere Regeln.

Hasenfenster

„Großtagespflege“ bedeutet eben diesen Zusammenschluss und mehr Kinder als eine Tagesmutter zu Hause?

HEGER

Genau. Das hat aber für die Familien auch den Vorteil, dass immer eine Gruppe von Kindern hier ist. Als ich noch zu Hause gearbeitet habe, kam es vor, dass wegen Urlaubs, Krankheit oder ähnlichem manchmal ein Kind allein bei mir war. Hier sind immer Spielkameraden da.

Hasenfenster

Sie versprechen außerdem „zuverlässige“ Betreuung. Wie können sie die denn gewährleisten?

HEGER

Wir haben eine qualifizierte und als Tagesmutter anerkannte Vertretungskraft. Die kommt zweimal die Woche auf unsere Kosten her, damit die Kinder auch zu ihr eine Bindung aufbauen können. Und wenn eine von uns ausfällt wegen Krankheit oder Ferien oder weil es einfach mal einen familiären Grund gibt, springt sie ein. Wir würden den Eltern auch gerne eine zweite Vertretung anbieten, um eine noch zuverlässigere Betreuung zu gewährleisten, aber das wird uns seitens des Jugendamts grundsätzlich untersagt. Aber auch so klappt das ganz gut mit der zuverlässigen Betreuung.

Hasenfenster

Zurück zum Prozedere. Wie lange hat es gedauert von dem Entschluss, die Tagespflege zu gründen, bis zur Eröffnung?

ROSENDAHL

Etwa ein Jahr. Wir sind zur zuständigen Sachbearbeiterin für Kindertagespflege gegangen und haben unser Anliegen vorgetragen, denn das Jugendamt muss die Gründung genehmigen oder eben auch nicht. Dazu wird erstmal eine Bedarfsprüfung gemacht. Das war schon ein bisschen spannend, weil man nicht recht überzeugt war, ob das hier in Wewer funktionieren könnte.

Hasenfenster

Aber Ihre Auslastung zeigt inzwischen, dass durchaus Bedarf da ist?

HEGER

Ja, wir sind voll belegt und haben eine Warteliste.

Hasenfenster

Sie sind ein großes finanzielles Risiko eingegangen. Gibt es sowas wie eine Anschubfinanzierung vom Jugendamt?

HEGER

Wir haben eine GbR gegründet und als solche einen Kredit von der Bank bekommen, die natürlich auch erst von unserem Unternehmen überzeugt werden musste. Wir wollten ja Räume mieten, die man auch finden muss. Nicht alles ist für unsere Zwecke nutzbar. Auch hier musste eine Nutzungsänderung durch das Bauamt erfolgen.

ROSENDAHL

Die Finanzierung war auch eine höchst spannende Geschichte. Da es noch keine solche Großtagespflege in Paderborn gab, waren wir der Präzedenzfall, und es musste alles gut geprüft und auch das Meiste erst herausgefunden werden. So hatten wir damit gerechnet, dass wir wie alle anderen Tagesmütter die Pauschale für Anschaffungen von 500 Euro pro Kind beantragen könnten.

HEGER

Da ich die aber schon für meine Tageskinder zu Hause bekommen hatte, konnten wir nur für die zusätzlichen Plätze die Pauschalen beantragen.

ROSENDAHL

Dann war unklar, ob sie uns zustand, da wir nicht zu Hause die Kinder betreuen würden und als das doch klar war, gab es einen Anruf, bei dem es hieß, doch keine Pauschalen, dafür aber die Möglichkeit, aus einem ungeplanten Topf Fördermittel zu bekommen …

HEGER

Wir sind angefangen, hier umzubauen, bevor wir wussten, ob wir Zuschüsse von der Stadt und vom  Land bekommen würden.

Hasenfenster

Und ich kann mir vorstellen, dass es auch bei der Einrichtung der Räume einiges zu beachten gab? Das musste doch sicher auch alles abgenommen werden?

ROSENDAHL

Klar, da gab es sehr viele Vorgaben. Der Boden beispielsweise muss ein spezieller sein, damit man nicht so leicht ausrutscht.

HEGER

Aber da haben wir in Zusammenarbeit mit den Ämtern alle Vorgaben erfüllt, so dass auch das Bauamt alles passend vor unserer Eröffnung abnehmen konnte.

Hasenfenster

Und werden Sie jetzt auch manchmal geprüft?

HEGER

Ja, es gibt unangekündigte Kontrollen durch die Ämter.

Hasenfenster

Und Sie als Personen müssen doch sicher auch Qualifikationen vorweisen?

HEGER

Auf jeden Fall. Ich hatte ja schon die Qualifikation zur Tagesmutter gemacht und habe nochmal über einen Zeitraum von einem Jahr einen Erweiterungskurs abgeschlossen.

ROSENDAHL

Als Sozialpädagogin hatte ich die nötige Qualifikation bereits, habe aber auch noch eine Weiterbildung besucht. Und dann natürlich Führungszeugnis, Gesundheitszeugnis und sowas.

Hasenfenster

Wie ist ihre Gruppe jetzt? Welches Alter ist vertreten?

HEGER

Die Kinder sind zwischen einem Jahr und drei Jahren. Die ersten verlassen uns jetzt bereits zum Wechsel in den Kindergarten. Wir wollten gerne eine Altersmischung, da die Betreuung hier familienähnlich sein soll, und das ist ein Punkt, wie wir das erreichen.

Hasenfenster

Und sie haben nur zwischen Weihnachten und Neujahr geschlossen, habe ich auf Ihrer Homepage gelesen?

HEGER

Das sind unsere festen Ferien, ja. Alle anderen Urlaubszeiten werden in Absprache mit den Eltern und der Vertretungskraft geplant.

Hasenfenster

Von wann bis wann sind die Kinder hier?

ROSENDAHL

Wir bieten zurzeit Betreuung von 7.15 Uhr  bis 15.30 Uhr an. Das kann individuell auch mal später werden, wenn man das vorher abklärt und für uns machbar ist.

Hasenfenster

Sie haben beide selbst Kinder. Wie schaffen Sie es, um viertel nach sieben hier zu sein?

HEGER

Die Kindergartenkinder werden vom Papa gebracht und falls der mal nicht da ist, wechseln wir uns ab mit Bringen. Ein großes Familienunternehmen halt.

Hasenfenster

Suchen Sie aus, wem Sie einen Platz geben oder haben Sie dabei auch Vorgaben?

HEGER

Das dürfen wir frei entscheiden, und das ist auch gut und wichtig so für uns. Die Chemie muss einfach stimmen.

ROSENDAHL

Und bisher hatten wir einen sehr guten „Riecher“ bei der Auswahl.

Hasenfenster

Wie sieht ihr Alltag in der Zwergeninsel aus?

ROSENDAHL

Bunt, lustig, mit Ritualen und doch immer wieder anders. Das Schöne ist ja, dass wir ganz flexibel entscheiden können, was wir machen. Wir gehen sehr viel raus, unabhängig vom Wetter. Mittwochs fahren wir gemeinsam in die Stadt, gehen unter anderem auf den Markt oder in die Kinderbibliothek.

Hasenfenster

Die Kinder essen und schlafen hier auch?

ROSENDAHL

Wir bieten Vollverpflegung, also ein gemeinsames Frühstück und selbst gekochtes, frisches Mittagessen. Wie in der Familie essen wir alle zusammen am Tisch.

HEGER

Es gibt einen separaten Schlafraum, was super ist, denn so können die Kinder auch zwischendurch mal schlafen, vor allem die Einjährigen. Das ist bei den Kleinen prima. Das könnten wir zu Hause beispielsweise nicht so gut gewährleisten.

Hasenfenster

Wenn Sie nun ein Fazit ziehen, war das alles die richtige Entscheidung? Ist das Ihr Traumberuf?

HEGER

Auf jeden Fall, ja. Ich bin sehr froh, dass alles so gekommen ist. Die Arbeit mit den Kindern, vor allem im U3-Bereich, bereitet mir sehr viel Freude. Ich habe sicher ganz am Anfang einfach aus der Not, Familie und Beruf zusammenzubekommen, eine Tugend gemacht, aber inzwischen ist es für mich viel mehr. Mir hat die Aufgabe zu Hause schon viel Spaß gemacht, aber so ist es perfekt.

ROSENDAHL

Das sehe ich genauso. Klar, war das ein langer Weg, und die Bürokratie, Recherchen, Fortbildung, Finanzen, Elternarbeit usw. nehmen sehr viel Zeit zusätzlich zu der Betreuungszeit in Anspruch, aber das bringt die Selbstständigkeit halt mit sich. Für mich ist dies die Erfüllung eines lang gehegten Traums. Ich wollte eigentlich immer gerne genau das machen.

Hasenfenster

Füllen Sie mit Ihrem Angebot eine Lücke?

ROSENDAHL

Wieder ein klares Ja. Das Interesse war von Anfang an groß, und wir haben den Eindruck und auch das Feedback, dass die Familien sehr zufrieden sind.

Hasenfenster

Warum finden manche Eltern hier die perfekte Betreuung für ihr Kind im Vergleich zu einer anderen Tagesmutter oder einer Kita?

ROSENDAHL

Wir sind ein Zwischenschritt: Bei uns ist der Rahmen kleiner und individueller als in einer Kita, aber das Angebot anders als bei einer Tagesmutter. Die Arbeit ist offener und transparenter, weil wir zu zweit sind. Wir bieten Elternabende an oder Feste, die uns auch die Räume ermöglichen.

HEGER

Und wir haben die Räume hier ganz auf die Kinder abgestimmt.

Hasenfenster

Zum Abschluss würde ich gerne mit Ihnen als „Fachfrauen“ noch eine, wie ich finde, wichtige Frage ansprechen. Es wird doch scheinbar viel an der Kinderbetreuung gearbeitet. Warum empfinden Familien es noch immer als so schwierigen Spagat, Familie und Beruf zu vereinbaren?

ROSENDAHL

Ich glaube, es gibt bei den Eltern oft noch viel zu viel Unwissenheit. Sie sehen zum Beispiel das Betreuungsproblem gar nicht kommen, weil sie irgendwie meinen, sie bekommen auf jeden Fall den Betreuungsplatz, den sie haben wollen. Oder sie unterschätzen den finanziellen Aspekt: Gerade die Betreuung von U2-Kindern ist gar nicht so günstig, weil sie eben auch einiges verlangt. Oder sie sind nicht darauf vorbereitet, dass die Betreuung nicht unbedingt ihre alten Arbeitszeiten abdeckt. Soweit sind wir eben mit dem Betreuungsangebot hier noch nicht. Manchen kennen den Rechtsanspruch gar nicht und manche wissen nicht, wie schwer es sein kann, einen Betreuungsplatz zu bekommen, wenn nicht beide Eltern arbeiten.

Hasenfenster

Man müsste eigentlich schon in der Schwangerschaft informiert werden, denke ich manchmal. Wer kann denn nun an der Schraube drehen? Müssen Politik und Verwaltung das Angebot weiter ausbauen oder müssen die Arbeitgeber flexibler werden?

HEGER

Beides natürlich. Ich hatte schon den Eindruck, dass neue Konzepte nicht unbedingt geliebt sind. Man muss einfach mehr wagen und wollen beim Betreuungsangebot. Der Bedarf und die Wünsche sind so individuell. Daher muss das auch das Angebot sein. Aber die Arbeitgeber müssen eben auch mehr Verständnis aufbringen und mehr Flexibilität ermöglichen.

Hasenfenster

Ich denke auch, hier gibt es noch einiges zu tun. Vor allem sollte der Wunsch nach vielen Plätzen nicht den Blick dafür verstellen, dass auch Qualität eine Rolle spielt. Ich bedanke mich für das Gespräch und die schöne Zeit in der Zwergeninsel.


Mehr zur Zwergeninsel unter www.zwergeninsel-wewer.de

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